C. M. Brendle Verlag

 

 

 

                     


Japanjahre

Edelgard Herwald
ISBN 978-3-942796-10-1
€   14,50

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Leseprobe aus "Japanjahre"

von Edelgard Herwald

 

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Marianna dachte an die ersten Wochen und Monate, die sie in Tokyo verbrachten. Daran, dass die Sprache zwar melodisch, aber völlig unverständlich war. Dass sie seltsam frei und völlig losgelöst in einer fremden Welt zu leben versuchten. Sie dachte an die vielen kleinen und großen Pannen, die täglich irgendwo warteten, an die Neugierde der japanischen Nachbarn und an die gleichzeitige Reserviertheit Ausländern gegenüber. Die ersten Tage, in denen Hans zu Hause blieb, hatte er sich bemüht, ihnen die schönen Seiten Tokyos und ihres Stadtteils Omori zu zeigen, was angesichts der Tatsache, dass es keinen Wald, keinen Park, nicht mal einen Grüngürtel in der Nähe ihres Wohnviertels gab, nicht ganz einfach war. Die drei Mädels liefen wie auf Watte durch die Riesenstadt, noch benommen von der 8-stündigen Zeitverschiebung, der für Oktober ungewohnten Wärme und benommen durch die vielen Menschen, die überall waren. Die Orientierung fiel ihnen schwer, es gab keine lesbaren Straßenschilder und keinerlei Hinweise, die man hätte deuten können. Der erste Gang in die Lebensmittelabteilung ins nahe gelegene Hankyu-Kaufhaus, wurde zu einem fröhlichen Abenteuer mit unklarem Ausgang. Die Verkäufer, in blaue Baumwollkimonos gekleidet, hatten ein weißes Stirnband mit einem großen roten Punkt um ihre blauschwarze Haarpracht gewunden und standen auf Getas – Holzsandalen - neben ihren zu verkaufenden Produkten, die sie lautstark anpriesen, dabei überboten sie sich gegenseitig. Sobald sie die ausländische Familie erblickten, versuchten sie diese durch besonders lautes Rufen oder lebhafte Gesten heranzulocken. Dadurch wurden auch die anderen zahlreichen Kunden aufmerksam. Den kleinen Mädchen wurden Leckereien zugesteckt, drei etwa zehn Cent große weißgraue, glänzende Kugeln am Spieß mit einer bräunlichen Soße, die sie skeptisch hin- und herdrehten, ohne zu probieren, was die umstehenden Menschen in Heiterkeit ausbrechen ließ. Es war ein buntes Erlebnis auch für die Geruchssinne. Fremdartige Gemüse wurden aus großen Holztrögen angeboten. Vieles schien eingelegt zu sein in Salz, Paprika, Zwiebeln und in undefinierbaren Marinaden. Manches sah verlockend aus, wurde auch über Handzeichen und viel Gelächter erworben, wobei sich die Verkäufer einen Spaß daraus machten, viel redeten. Die Familie konnte nur lächeln und sich verbeugen. In der Fischabteilung ging es noch bunter zu. Es roch geräuchert, nach Mandeln, nach Essig, nach gekochtem Reis, nur nicht nach Fisch. Steffi wurde ein kleines rotweißes Päckchen zugesteckt, eingehüllt in Cellofan, verziert mit einer grünen Blüte, das wie Pfefferminzbruch aussah. In der Fleischabteilung kauften sie etwas, das wie panierte Schnitzel aussah und ein Stück Dauerwurst.

Zu Hause wurden die erworbenen Schätze ausgebreitet und probiert. Viel wirklich Essbares war nicht dabei. Das eingelegte Gemüse war viel zu scharf und zu bitter. Der Pfefferminzbruch wurde ganz vorsichtig gekostet, er schmeckte nach Gelatine und Fisch. Bei den glänzenden Kugeln hatten die Kinder das Gefühl, dass sie im Mund immer größer und süßer wurden und kaum noch geschluckt werden konnten. Die Schnitzel bestanden unter der dicken Panade fast nur aus Fett. Erst viel später, als sie mehr Einheimische kannten, erfuhren sie, dass sie als Gemüse Kim Chi einen mit viel Knoblauch in Salz und Essig eingelegten Kohl bekommen hatten. Bei dem rosa-weißen vermeintlichen Pfefferminzbruch handelte es sich um gepresstes und gefärbtes Fischmehl mit dem schönen Namen Kamaboku und die süßen Kugeln waren Motschi, ein zu einer klebrigen Masse gestampfter Reis mit brauner Bohnenpaste bestrichen. Das Abendessen fiel entsprechend bescheiden aus. Hans hatte doppelt so großes und dickes Toastbrot wie in Deutschland üblich, gesalzene Butter und Eier besorgt, dazu aßen sie die Dauerwurst, die stark nach Fisch schmeckte, aber niemand musste hungrig zu Bett gehen.

Sie wohnten etwa 500 Meter von der Durchgangsstraße entfernt in einem durch eine hohe Mauer mit eisernem Schwingtor geschützten Areal, in dem zwei Doppelhäuser und zwei einzeln stehende Häuser Platz fanden. Ihr Haus stand in einer kleinen gewundenen Gasse, von der weitere Gassen abzweigten. Der mit Kies bestreute Vorplatz diente abends und nachts als Parkraum, tagsüber als Spielplatz für die Kinder. Es gab hohe immergrüne Bäume und vor den Häusern kleine verwilderte Gärten. Die Nachbarn innerhalb dieses Areals kamen aus Thailand, aus Chile, aus Amerika und aus Bolivien. Die freundlichen, bolivianischen Nachbarn, die die andere Hälfte ihres Doppelhauses bewohnten waren mittleren Alters, hatten einen 18-jährigen Sohn, der abends gerne auf den Treppenstufen saß und wunderschöne Melodien auf einer bolivianischen Flöte spielte. Die Mädchen wurden jedes Mal ganz still und ließen sich von den Klängen verzaubern. Die Mutter, eine temperamentvolle Schönheit mit Namen Maria Gracia überfiel die Neuankömmlinge mit einem Kuchen und einem spanisch-englischen Redeschwall, dem Marianna und die Kinder nicht gewachsen waren. Sie bedankten sich lächelnd und nach Worten suchend, während der bolivianische Ehemann Eduardo immer wieder: »Congratulation« murmelte, offensichtlich die einzige englische Redewendung, die er beherrschte.

Marianna, die nur wenig Schulenglisch sprach, das sie vor ihrer Abreise nach Tokyo in einem vierwöchigen Intensivkurs aufgefrischt hatte, tat sich zunächst schwer in dieser internationalen Gemeinschaft, versuchte die verschiedenen Dialekte zu verstehen, dem Gesprächsverlauf zu folgen und auch selbst etwas beizutragen, was zuweilen zu befreienden Lachern Anlass gab. Zum Beispiel fragte ihre Nachbarin anfangs, als sie Steffi husten hörte: »Is she sick?« Ist sie krank? und bekam zur Antwort: »No she is ill!« Nein sie ist krank

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