C M. Brendle Verlag

 

 

                   

 


Ich bin noch da

Inka Nisinbaum

ISBN 978-3-942796-12-5
€   15,50

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Ich bin noch da

Inka Nisinbaum

Alles begann mit einem Brief. Einem Brief, den mein Onkel mir kurz vor seinem Tod und meiner Geburt hinterlassen hatte und der mir letztendlich das Leben retten sollte. 8. März 1979

Liebe Inka,
oder falls du ein Junge geworden sein solltest,
lieber Ole,

lange habe ich darüber nachgedacht ob ich dir diesen Brief überhaupt schreiben soll. Ob er dir, wenn du ihn liest, etwas bedeuten wird, oder ob ich ihn im Grunde genommen doch nur für mich selbst schreibe. Doch wie auch immer, hier sitze ich nun mit dem Kuli in der Hand und denke an dich. Während dein Geburtstermin immer näher rückt, du bald das Licht der Welt erblicken wirst, habe ich mich bereits auf den Weg gemacht, diese zu verlassen.
Ich kann nicht sagen, dass ich traurig bin. Ich glaube es zumindest nicht. Ich hatte schließlich einige Jahre Zeit, mich auf meinen Tod vorzubereiten. Mein Lymphdrüsenkrebs ist letztendlich um vieles langsamer gewachsen, als es die Ärzte angenommen hatten. Ein Jahr hatten sie mir gegeben. Maximum.
Und hier sitze ich, fast neun Jahre später. Aber dennoch, neun Jahre sind nicht viel im Leben. Nicht wenn man erwachsen ist und die Zeit nur so an einem vorbeifliegt. Glaube mir.
Aber was rede ich? Ich will dir keine Angst vor dem Leben machen. Was ich möchte, ist dir wenigstens einmal Hallo gesagt haben, wenigstens einen Gruß hinterlassen. Denn eins ist sicher, wir werden uns in unserem Leben abklatschen. Ich werde gehen und du wirst auf die Welt kommen. Das verbindet. Und ich muss sagen, es ist auch ein beruhigender Gedanke, dass das Leben, wenn auch nicht mein eigenes, doch irgendwie weitergeht. Denn das Leben ist, egal wie lange es währt, wunderschön, ein Geschenk, du wirst es selbst erleben.
Leider wirst du dieses Leben ohne deinen Onkel leben müssen. Ich kann dir nicht zur Seite stehen, dein Leben nicht mit dir teilen. Doch einen Rat möchte ich dir trotz allem auf deinen Lebensweg mitgeben: Lebe! Jeden Tag! Genieße dein Leben und vergeude es nicht. Auch wenn man erst im hohen Alter gehen muss, auf ein erfülltes Leben zurückblicken kann, ist es doch verdammt kurz. Also, nutze jeden Tag, feier die Feste, wie sie fallen, denn wenn wir uns eines Tages auf Wolke sieben treffen werden, will ich viele aufregende Lebensgeschichten von dir erzählt bekommen. Von den vielen, vielen Jahren hören, die du gelebt hast.
Ich werde immer auf dich aufpassen, immer dein Onkel sein, immer an dich denken.
Ingo

Zwei Tage nachdem Ingo seinen Brief an mich geschrieben hatte war er tot. Sein Gespür, dass seine Zeit zu Ende ging, hatte ihn nicht getäuscht. Er hatte den richtigen Zeitpunkt gewählt, um mir einen letzten Gruß zu hinterlassen. Ich kam eine gute Woche später auf die Welt. Am 17. März. Wir klatschten uns also tatsächlich ab im Leben. Er ging und mein Leben begann.
Ich weiß nicht mehr, wann ich Ingos Brief zum ersten Mal zu lesen bekam, aber ich weiß noch, dass ich damals sehr gerührt war. Ich fühlte mich geehrt, dass Ingo in seinen letzten Tagen an mich gedacht hatte, mich, die er gar nicht kannte, die  noch gar nicht auf der Welt war. Doch auf der anderen Seite stimmten mich seine Zeilen auch immer ein wenig traurig, jedes Mal, wenn ich sie in den folgenden Jahren las, denn Ingo hatte sich so viel für mich gewünscht, sich ausgemalt, dass ich das Leben leben würde, das er nie hatte. Ein gesundes Leben, ein erfülltes Leben, ein langes Leben. Ein Leben ohne Schmerzen, ohne Krankenhäuser und ohne einen frühen Tod. Doch bereits 24 Stunden nach meiner Geburt war klar, dass dem nicht so sein würde. Ich wurde mit der Erbkrankheit Mukoviszidose geboren. Eine Diagnose, bei der man damals von einer durchschnittlichen Lebenserwartung von vier Jahren ausging.
Meine Eltern waren so geschockt von der Diagnose, dass sie damals sofort meine Geburtsanzeige bei der Zeitung stornierten. Sie wollten keine Glückwunsch-Anrufe bekommen, wenn es im Grunde genommen nichts zu beglückwünschen gab. Vier Jahre, das war eine grausame Prognose. Im Vergleich dazu sahen selbst Ingos 37 Lebensjahre wie eine Ewigkeit aus.
Doch all die schlimmen Vorhersagen, die die Ärzte damals machten, sollten sich letztendlich nicht erfüllen. Ich entwickelte mich trotz Mukoviszidose wunderbar. Ich ging ganz normal zum Kindergarten, in die Grundschule und danach sogar aufs Gymnasium. Ohne jemals ein Jahr wegen krankheitsbedingter Fehlzeiten wiederholt zu haben. Denn natürlich verbrachte auch ich den ein oder anderen Monat meiner Kindheit und Jugend im Krankenhaus. Auch wenn es mir meist gut ging, war ich doch chronisch krank. Täglich nahm ich eine Handvoll Tabletten ein, musste jeden Tag zweimal inhalieren und ständig gegen den zähen Schleim in meiner Lunge ankämpfen – mithilfe einer bestimmten Atemtherapie, der sogenannten autogenen Drainage, und mit Joggen.
Mein Vater kam damals auf die Idee, mit dem Joggen anzufangen. Er hatte sich überlegt, dass Joggen zum einen die Atemmuskulatur trainierte und zum anderen den zähen Schleim in der Lunge nach oben transportieren würde, allein schon durch die Erschütterung und das forcierte Atmen beim Joggen. Denn was halfen die vielen Antibiotika-Therapien, wenn der Schleim danach zwar keimfrei, aber trotz allem weiterhin in meiner Lunge saß?
In den folgenden Jahren scheuchte mein Vater mich immer wieder die Treppen im Oldenburger Hauptbahnhof rauf und runter. Und im Alter von elf fing ich dann mit dem Laufen an, immer zusammen mit meinem Vater und verbunden mit unzähligen Streits.
Meist stritten wir uns, wenn es mir nicht gut ging. Ich fiel beim Laufen zurück, mein Vater bekam es mit der Angst zu tun, dass ich eventuell wieder kurz vor einem gesundheitlichen Tief stand, versuchte mich anzuspornen, mich zum schnelleren Laufen zu motivieren und ich rastete aus. Manchmal passierte es sogar, dass wir getrennt wieder nach Hause kamen. Wenn ich richtig wütend auf ihn war, lief ich ihm davon. Trotz schlechter Lunge war ich immer noch ziemlich schnell. Meine Bestzeit auf fünf Kilometer waren damals 21:09 Minuten.
Doch auch wenn es ein absoluter Kampf war, nicht nur mit meinem Vater sondern auch mit mir selbst, denn schließlich ging ich auch dann noch Laufen wenn ich Fieber hatte, Nasenbluten vom starken Husten bekam oder mich aufgrund dessen übergeben musste, brachte mich das Laufen mit wenigen Krankenhausaufenthalten durch die Jugend. Und auch wenn es nicht immer leicht war, so diszipliniert und verantwortungsbewusst seine Jugend zu durchleben wie ich, konnte ich mich nicht beschweren. Ich lebte mein Leben, trotz alledem. Genauso wie Ingo es mir geraten hatte und wie meine Eltern es mir immer predigten. Stets einen Tag nach dem anderen. Ich feierte die Feste, so wie sie fielen, denn eins war klar, eines wusste ich schon von Kindesbeinen an: Meine Lebenszeit war begrenzt. Mukoviszidose ist eine Krankheit, die nicht geheilt werden kann und irgendwann nicht mehr aufzuhalten ist. Man stirbt an Mukoviszidose, und das früher als andere.
Ich wuchs mit diesem Wissen auf. Ich war immer meinem Alter und meinem Verständnis nach angemessen über meine Erkrankung informiert. Im Alter von zehn Jahren benutzte ich schon Wörter wie Mekoniumileus oder Ösophagusvarizen, anstatt Darmverschluss oder Krampfadern in der Speiseröhre zu sagen. Ich war aufgeklärt, nicht nur über meine Erkrankung, sondern auch über deren Folgen. Doch ich muss sagen, selbst als ich älter wurde und ein besseres Verständnis für den Tod entwickelte, glaubte ich irgendwie doch immer daran, eine Ausnahme zu sein. Bei mir würde die Mukoviszidose anders verlaufen. Ich war mir ganz sicher. Wenn ich erst mal neben Ingo auf seiner Wolke sitzen würde, würde ich auf ein langes und erfülltes Leben zurückschauen können. Ich wollte als die älteste Mukoviszidose-Kranke ins Guinnessbuch der Rekorde eingehen. Das war mein Plan. Als ich 22 Jahre alt wurde, war es mit den Plänen für die Zukunft plötzlich vorbei. Nach nur 22 Lebensjahren stand ich an der gleichen Stelle im Leben, an der Ingo damals gestanden hatte. Den eigenen Tod vor Augen. …

 

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