C M. Brendle Verlag

 

 

                   

 


Dunkle Wasser schweigen

Helena Kugele

ISBN 978-3-942796-13-2
€   14,50

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Leseprobe

Dunkle Wasser schweigen

Helena Kugele
 

»In der ganzen Geschichte des Menschen ist kein Kapitel unterrichtender für Herz und Geist als die Annalen seiner Verirrungen.«

Friedrich Schiller – Verbrecher aus verlorener Ehre

Schwarze Tannen, deren Spitzen im trüben Himmel verschwanden, ragten schlank am Wegesrand empor. Werner Bauer sog die schwere Moosluft ein. Es hatte auch sein Gutes im Schwarzwald zu wohnen, dachte er, während das Hundehalsband, das er umklammerte, in seine Hand schnitt. Sein Hund zog in die Freiheit und Bauer konnte seinen Freund kaum noch bändigen. Das struppige Fell des Riesenschnauzers kratzte an seinen Fingerknöcheln als er den Karabiner an der Leine löste. Ein schwarzer Blitz rannte durch das Bodengestrüpp.
»Howard!«, rief Bauer, doch er erkannte nur noch die fliegenden Ohren, die im Wald verschwanden.
Howard war Werner Bauers bester Freund und insgeheim hatte er Verständnis für dessen Ungehorsam. Dieser dämliche Name war die Idee seiner Frau gewesen, wie alles andere auch, die Heirat, der Hund, die Scheidung.
Bauers rechter Wanderschuh verfing sich an einer Wurzel, wodurch er kurz ins Wanken geriet. Aber das störte ihn überhaupt nicht. Dieser Teil des Waldes gefiel ihm. Niemand war hier unterwegs. Keine Menschen, die voller Angst seinem schwarzen Hund begegneten und keine Hunde über die Howard herfallen konnten.
Bauer lächelte. Hier schienen sich alle Probleme in Luft aufzulösen. Und während in ihm ein winziges Gefühl der Zufriedenheit seine Knospe trieb, verzerrte sich einen Wimpernschlag später sein Gesicht zu einer schmerzgeplagten Fratze. Er schrie auf und hörte wie seine eigene Stimme von der Stille des Waldes verschluckt wurde. Im Augenwinkel nahm er den riesigen Holzprügel wahr, der aus Howards Schnauze ragte. Die von schaumigem Speichel triefende Zunge wippte auf und ab. Bauer fasste sich an seine kurze feste Wade, in die sein bester Freund beim Vorbeirennen den Prügel gerammt hatte. Der Hund wendete und hetzte auf Bauer zu, stoppte abrupt und legte den Stock seinem Herrchen vor die Füße. Der schwarze Schrubber hechelte und blinzelte nach oben mit diesem Blick, der Werner Bauer an seine Exfrau erinnerte. Der Lieb-mich-Blick, der seinem Begleiter ein warmes Gefühl bescherte, bei seiner Frau allerdings einen Fluchtreflex ausgelöst hatte. 
Jedenfalls mistete seine Exfrau jetzt Pferdeställe aus bei ihrem Ponyhofbesitzer. Er ist so anders als du, hatte sie gesagt.
Wie er Gäule hasste.
»Na, Howie«, flötete Bauer, »Bringst du mir ein Stöckchen. Das ist aber schön.«
Er hob die verschleimte Keule vom Boden auf und suchte eine passende Wurfrichtung. Ein paar Schritte weiter öffnete sich links vor ihm eine kleine Lichtung. Howard sprang an ihm hoch und versuchte den Stock mit seinem Wolfsgebiss zu ergreifen. Bauer wehrte ihn mit dem linken Arm ab und holte rechts aus. Es waren Sekunden bis er das Platschen von Wasser vernahm und es waren Sekunden bis er das zweite Mal das Geräusch hörte. Das grün-braune Wasser spritzte über die Einfassung des Beckens aus Sandstein. Der Schnauzer jaulte auf, schwamm dann aber zu dem treibenden Holzstück und hielt es fest. Irgendetwas hinderte ihn, das Wasser wieder zu verlassen. Panisch weit aufgerissene Augen trafen Werner Bauers Blick.
»Lass den Stock los, du blöder Hund!«
Der stämmige Mann versuchte Howard vom Beckenrand aus zu erwischen aber die Gefahr, in das eiskalte Wasser zu fallen, war ihm zu groß.   
Schnell nestelte der Hundebesitzer seine Schnürsenkel auf. Dann hörte er das immer kraftloser werdende Jaulen seines Hundes, der weiterhin den Stock apportieren wollte.
Bauer hielt sich am Geländer fest und stieg über drei Stufen tiefer in das Becken. Er hatte Mühe auf dem glitschigen Boden Halt zu finden.
»Hast du eine Badewanne erwartet?« Werner Bauer nahm dem geplagten Tier sein Apportierspielzeug ab und warf als erstes das Holz an Land. Dann tauchte er mit den Händen in das dunkle Wasser und spürte schmierige Fadenalgen zwischen seinen Fingern. Er griff seitlich den Bauch des Hundes und schob die fünfundvierzig Kilo bis an die Stufen. Das borstige Fell schimmerte grün. Bauer wartete bis sich Howard geschüttelt hatte. Der Schnauzer erinnerte an eine Bürste in der Autowaschanlage. Einige hellgrüne Algen flogen auf trockene Tannenäste.
Bauers Waden brannten von der Kälte. Er zog zischend die Luft durch die Zähne und setzte an aus dem Becken zu steigen. Dabei bemerkte er, dass sich auf der anderen Seite des Beckens etwas bewegte. Er vermutete eine Kröte oder einen Frosch.
Er beugte sich über das Geländer. Er näherte sich dem Wasser, das modrig roch, und als er endlich erkannte, was sich da gerade bewegt hatte, raubte es ihm den Atem. ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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