C M. Brendle Verlag

 

 

                   

 


Ein rabiater Liebhaber der Stille
Doris Rothmund
ISBN 978-3-99812497-9-8
€   14,50

Bestellen
zurück

Home

 

Ein rabiater Liebhaber der Stille
Doris Rothmund

 

Leseprobe

1

Ich bin sehr alt und werde bald sterben. Trotzdem brauche ich zum Gehen keinen Stock und bin bei klarem Verstand. Es gelingt mir jeden Tag, die Zeitung und einige Hundert Seiten in Büchern zu lesen, denn von Beruf war ich Bibliothekarin und Bücher sind mir vertraute Gegenstände. Keine Angst, es folgen keine Memoiren oder Lesetagebücher, ich will mir nur noch ein paar letzte Gedanken machen.

Immer habe ich etwas geschrieben, besonders im Sommer. Im Herbst habe ich die beschriebenen Blätter in eine Schublade gelegt. Dort sind sie vergilbt wie die Blätter an den Bäumen. Ich habe sie nicht geordnet und katalogisiert, wie ich es für meinen Beruf doch gelernt habe. Aber sie sind noch alle da.

Sehr bald wusste ich: Ich werde immer diejenige sein, welche die Bücher nur verleiht. Trotzdem schrieb ich weiter, denn ich glaubte, einen Grund dazu zu haben. Um es kurz zu machen: Ich war und bin in einen Fall verwickelt, der mich nicht loslässt, obwohl alle ihn für gelöst halten. Besser gesagt, es ist ein Fall, für den sich keiner mehr interessiert. Keiner weiß, dass – wenn man es richtig betrachtet – ich das Unheil angestoßen habe, das einen Menschen vor langer Zeit vernichtet hat. Keiner weiß, dass dieser Mensch, dessen Unglück ich war, Lob und Beachtung verdient hätte. Beides wurde ihm vorenthalten und ich denke jeden Tag über die Gründe dafür nach. Ich glaube jetzt nicht mehr, dass ich allein Schuld und Verantwortung tragen muss, doch ich weiß sicher, dass ich mittlerweile die Einzige bin, die den Fall nochmals zum Vorschein bringen kann. Und ich habe nicht mehr viel Zeit.

Das Opfer in diesem gemeinen Spiel war ein sehr junger Mann von außerordentlicher Bildung. Er war ein Literat, ein Dichter, ein begabter Literaturwissenschaftler. Er sah exotisch, geheimnisvoll, aber auch abweisend aus, und das hat mich gereizt. Fast nichts wusste ich damals über ihn. Nachdem das Unheil geschehen war, habe ich Jahr für Jahr versucht, mehr über ihn zu erfahren. Aber da war es zu spät – für ihn und für mich.

Im Alter rückt die Kindheit so nahe, als schließe sich ein Kreis, aber diese Erscheinung ist wohl auf den Verschleiß von Hirnzellen zurückzuführen. Ich sehe sehr deutlich die schönen unberingten Hände des jungen Menschen, die sich um ein Weinglas schlossen oder – seltener – eine Kaffeetasse hielten. Ich sehe sein Kinn; er hatte das kräftige Kinn eines Siegers und hat doch verloren. Ich teile die zurzeit gültige Meinung, dass Kinder nicht wie Erwachsene schuldig werden können. Der Gesetzgeber ist hilfreich und zieht eine klare Grenze. Er schickt die Kinder entschuldigt in den Zustand des Jugend- und Erwachsenseins. Doch dies nützt mir nichts.

In allen meinen Aufzeichnungen habe ich den jungen Mann W. genannt. Ich will es weiter so halten, und wenn dies wie eine Kafka-Imitation aussieht, kann ich es nicht ändern. W. ist aber kein K. und keine Albtraumfantasie. W. war ein wirklicher Mensch. Das Kürzel ist mir beim Schreiben hilfreich, denn meine Hauptperson trägt die Vornamen regionaler Herzöge vor einem banalen Nachnamen. Alle seine Namen passen nicht zu ihm. Dass ich sie vorerst nicht preisgebe, ist deshalb keineswegs den Leuten geschuldet, die heute noch seine Briefe und ihre Antworten darauf verbergen und die Gründe dafür nicht angeben. Ich habe keine Furcht vor ihnen. Was ich als Erinnerung ausgebe, ist nicht erfunden, aber auch nicht verbürgt und damit kann ich leben. Doch ich bin vorsichtig.

2

Als ich W. zum ersten Mal sah – ich war ungefähr zehn Jahre alt –, dachte ich mir, dass so mein italienischer Vater, den ich nie kennengelernt habe, aussehen müsste. Für kurze Zeit glaubte ich sogar, meine Mutter habe eine Überraschung ausgedacht und würde zu mir sagen: »Dort am Tisch sitzt dein Vater, begrüße ihn!« Aber meine Hoffnungen wurden enttäuscht.

Meine Mutter arbeitete damals als Bedienung in einer Tübinger Gaststätte, halb Weinstube, halb Café. Sie galt als fleißig, ehrlich und hübsch dazu. Es hieß, viele Gäste kämen ausschließlich wegen ihr. Sie hatte nur einen Makel: mich, ihr uneheliches Kind. Zusammen durften wir in einem kleinen Zimmer im Dachgeschoss des Wirtshauses wohnen: Ein Schrank, ein Bett, ein Nachttisch, das waren unsere Möbel. Dafür wurde erwartet, dass die Tochter der Mutter ein wenig zur Hand ging.

Wenn ich im Wirtshaus nichts zu helfen hatte, las ich alles, was an Zeitungen und Magazinen herumlag, ich löste die Rätsel darin und beobachtete danach die Studenten, die ihr Mittagessen bei uns verzehrten und abends Bier und Wein bis zum Exzess soffen. Sie waren laut, ihre Nasen bereits geschwollen, leuchtend und löchrig; ihre rosigen Scheitel bildeten gerade Linien auf ihren Köpfen und diese sahen sich alle ähnlich. Mein Blick aber fiel auf ihre unterschiedlichen Waden, die sie oft nach der Mode der Zeit unter Kniebundhosen ausstellten. Wenn sie, wie es schlagartig üblich wurde, die Hacken zusammenschlugen und die Hand zum Hitlergruß ausstreckten, war dies ausgiebig möglich. Manche hätte ich eher an der Form ihrer Unterschenkel und der Qualität ihrer Kniestrümpfe als an ihrem Gesicht wiedererkennen können. Ich war eine Wadenkennerin, ein seltsames Mädchen.

In der Volksschule nannten sie mich altklug und ich war nicht bei allen beliebt; bei den Lehrern schon, denn meine Leistungen waren hervorragend. Der spätere Mann meiner Mutter, ein Geometer mit einer kleinen Erbschaft, hat es ermöglicht, dass ich auf die höhere Schule gehen konnte. Vielleicht haben auch meine Großeltern etwas dazu getan, obwohl diese mit Bildung nicht viel am Hut hatten und – wegen bestimmter Vorkommnisse – an meinem Charakter zweifelten. Die beiden hatten meiner Mutter, als diese, kurz nachdem W. aus unserem Blickfeld verschwunden war, endlich den für sie erforderlichen Ehemann gefunden hatte, halbwegs verziehen. Sie waren Gastwirte und hatten nach einem Bankrott wieder neu anfangen müssen. Danach waren sie mal wohlhabend, mal zum Sparen gezwungen, je nachdem, wie viele Kurgäste ihr Hotel im Allgäu besuchten und wie viele Biertrinker das Wetter in ihrem Kastaniengarten zuließ. Als die Nazis an die Macht gekommen waren, ging es mit ihnen aufwärts, als Parteigenossen wurden sie mit organisierten Urlaubern bedacht. Auch ich kam halbwegs in Gnade und durfte sie in den Schulferien besuchen. . . .


 

Leseproben   Rezensionen   Presse

 

Doris Rothmund

Eugen Gottlob Winkler