C M. Brendle Verlag

 

 

                   

 


Die Wahrheit ist anders

Andrea Berwing

ISBN 978-3-942796-15-6

€   14,50

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Die Wahrheit ist anders

Andrea Berwing

Textauszug

1. Kapitel

Dichter Nebel steigt über den Bergen Thüringens auf, zieht in langen Schwaden über die Wiesen und Wälder, um sich am Horizont aufzulösen. Tau liegt auf den Grashalmen, kristallklar. Aus dem Gehöft nahe des Dorfes Moorbach klingt ein Greinen, erst leise, dann immer kräftiger. Elli wischt sich erschöpft den Schweiß aus der Stirn und sieht auf den starken, kräftigen Rücken von Martha, der Hebamme, die den Neugeborenen in ein Leinentuch wickelt. Es riecht nach Zinnkraut. Gekonnt fängt Martha die feinen dampfenden Nadeln aus einem Sieb in ein Tuch ein und legt sie vorsichtig auf Ellis geschundenen Leib. Martha hat sie zum Neumond mit Zaubertönen besungen, ihre göttlichen Kräfte gelobt, sie mit einem Stab in einem Quadrat umschrieben und symbolisch die Kräfte der vier Hauptrichtungen des Himmels gerufen.

»Michael«, flüstert Elli leise und betrachtet ihren Sohn.

Seine Stirn zeigt tiefe Falten, er sieht hinfällig aus, als wolle er gleich wieder vergehen. Er atmet beständig, doch sein Teint bleibt ungesund grau. Elli beschleicht eine leise Ahnung vom Lauf der Zeit, vom Werden und Vergehen, sieht Michael doch aus wie ein alter Mann. Ein sehr sympathischer alter Mann übrigens, wie Martha befindet. Doch unübersehbar sind die greisen Züge, die sich in dem Gesicht des Neugeborenen finden lassen. Beide Frauen betrachten ihn still. Beide Frauen wissen wie alte Wölfinnen, dass Zeit und Raum dem Neugeborenen alles andere zukommen lassen. 

In den nächsten Tagen und Wochen nimmt das Fleisch zu, eine gesunde Röte steigt auf. Der Kiefer des Säuglings bebt und zittert nicht mehr, und es kehrt langsam sichtbar Ruhe und Kraft in Ellis Sohn. Ein zufriedenes Grummeln und Schmatzen hält im Haus Einzug. Michael wächst und gedeiht in einem Biotop. Einem Vierkanthof, der das Innere, das Haus und seine Bewohner vor den neugierigen Blicken anderer bewahrt. So gedeihen zwei kleine Menschen ganz im Sinne ihrer Mutter. Auch als Elli später ihre Kleinen schweren Herzens in den Kindergarten des Dorfes geben muss, lässt sie nicht zu, dass ihre Kinder, Michael und Karl, der später Geborene, Konsumklamotten tragen. Essensmarkenschuhe für zwei Mark fünfundsiebzig, die so viel kosten wie eine Woche Schulessen, gibt es im Hause Ehrig nicht. Dafür bekommt Michael in der Schule Schokomilch, die fünfzig Pfennig pro Woche mehr kostet als die Fruchtmilch für zwei Mark fünfzig. Elli und Heinz ziehen ihre Kinder naturnah groß. Geschlachtet wird noch mit der Hand, bevor Maschinen den Tod von Tieren mehr und mehr industrialisieren werden. Zwei bis fünf Schweine besitzen die Ehrigs zu jeder Zeit. Ferkel, die zu viel geboren werden, geben sie an die nahe liegende LPG weiter. Sie haben fünfzehn Hühner, die einen Hahn stolz machen. Michael und Karl klettern auf Bäume, im naheliegenden Wald. Nicht wie andere Kinder, die auf den Bauplätzen der zukünftigen zehnstöckigen Neubauten der modernen DDR in Beton spielen.

Elli näht auf der alten Singer mit Fußpedal Anziehsachen selbst. Ein altes Handwerk, das ihr bereits ihre Mutter beigebracht hatte. Sie kann perfekt flicken, Lederhosen nähen und Jacken mit doppelten Nähten aus Stoffen, die es in zahlreichen Läden gibt. Sie hat sich ein gutes Netzwerk aufgebaut und bekommt auch Stoffe unter dem Ladentisch, dafür nimmt sie auch von den Verkäuferinnen ab und zu etwas zum Nähen mit nach Hause.

2. Kapitel

Der Regen prasselt immer heftiger auf die in den Boden gelassenen Steine vor der Tür. Sie wirken kalt, wie sie dort so völlig gleichmäßig in der Erde liegen. Der Regendunst fühlt sich wie der kalte feuchte Atem eines alten Gottes an. Michaels Lunge zieht sich immer enger zusammen, als würden Schnüre seine Luftröhre zusammenpressen. Es ist immer zu wenig Sauerstoff, den er schwer atmend in seine Lunge presst.

Der Sommer nähert sich dem Ende, ein schöner Sommer. Beim Grillen im Gehöft und selbst gemachter Limonade für die Kinder Michael und Karl lässt es sich gut leben. Wein für Elli und Martha und Bier für die Männer in der Abendsonne nach dem alltäglichen Badevergnügen im Moorbacher See waren der gelebte Luxus innerhalb der zwei Meter hohen Mauern des Familienbesitzes. Für einen Moment, eine Zehntelsekunde, tauchen diese Bilder vor Michael auf, bevor er sie hat kommen hören, die anderen, die vom Anger die Arkaden entlang zum Bahnhof laufen. Diese Strecke hat Michael noch nie gemocht. Sie war ihm schon immer unheimlich in ihrem trügerischen Frieden. Etwas lag in der Luft. Er kann es riechen. Sein Instinkt lässt die feinen Haare auf der Haut abstehen, eine Gänsehaut hat seine Arme und seinen Rumpf überzogen. Die Heranwachsenden, ihm unbekannten Männer kommen zu fünft. Ihn hatten sie sich auserkoren. Michael fühlt, heute würde eine unausweichliche Prüfung, eine Initiation ihn zum Manne schlagen. Doch die Unruhe hat ihn übermannt und diese hat er mit Bier und noch mehr Bier und den Kurzen zu ertränken versucht, bis er nur noch schwankend am Tresen seiner Lieblingskneipe am Anger steht. Die Gesichter der anderen verschwimmen und der Boden kippt. Auf dem Weg zum Bahnhof fühlt er sich beobachtet, und dann stehen sie plötzlich vor ihm. Im nächsten Augenblick wird er nüchtern. Michael ahnt und weiß zugleich, welche Schläge ihn treffen sollen. Gekonnt verhindert er die gefährlichen und steckt die harmloseren ein. Manchmal verschätzt er sich, doch darüber nachdenken kann er nicht. Auch er teilt aus. Wie ein Tier kämpft er um sein Leben. Michel wischt sich das Blut von der Stirn. Unter den Hämatomen pulsieren die Adern, sein Gesicht ist geschwollen. Doch er ist zu stolz, sich dem Schmerz zu ergeben, obwohl er das erste Mal bangt. Seine Angst fühlt sich an wie das betäubte Opfer einer Schlange, die mit eiskaltem Blick und mit einem geübten Biss das Gift in die Blutbahn schickt. Er kämpft gegen seine lähmende Angst, doch sein Widerwille gegen die eigene Schwäche, lässt ihn unerbittlich und seinen Gegnern unberechenbar erscheinen. Er kämpft und ringt mit dem Schmerz. Das Adrenalin in seinen Adern lässt ihn alles ertragen und noch mehr. Die fünf Halbwüchsigen ahnen, dass sie ihn töten müssten, um einen Triumph davonzutragen. Sie spielen nicht zusammen, sind noch ungeübt und zu verunsichert, um wirklich töten zu können. Jeder von ihnen denkt, zusammen würden sie ihn schlagen können, doch den sie da vor sich haben, das ist kein Mensch und auch kein Tier. Michael ist zu instinktbegabt, um sich zu ergeben. Er weiß, er darf den Boden nicht küssen, dann wäre er verloren. Und so dreht er sich um sich selbst, Beine und Arme wirbeln schlagkräftig um sich, um seine Feinde, die in der Mehrzahl sind, in die Flucht zu schlagen.

Plötzlich ist er allein. Er geht weiter, am Bahnhof vorbei, es ist dunkel, nur jede zweite Laterne dimmert schwach vor sich hin, gelbliches mattes Licht. Michael tritt ab und zu gegen eine Eingangstür der schief wirkenden Wohnhäuser, um zu sehen, ob sie sich öffnen lassen. Bald spürt er einen Widerstand weichen und verstärkt sein Gewicht gegen die nachgebende Tür. Er braucht nur noch eine Treppe, die nach unten führt, dort lässt er sich fallen.

 

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