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C. M. Brendle Verlag |
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Fortsetzung folgt ... aus: Zwischen Herbst und Sommer - Christine Brendle Buch oder als e-book unter dem Titel: "Als der Winter kam")
32 Nachdem es hell geworden ist, ziehe ich mich an und gehe vors Haus. Draußen ist es kälter als am Vortag, aber wenigstens trocken. Das Geräusch ist inzwischen verstummt. Ich sehe an der Hauswand empor, ohne etwas zu entdecken. Dann inspiziere ich die Halterungen der Fensterläden. Sie sind alle fest und können nicht die Ursache für das Geräusch sein. Verdammt, warum klopft es ausgerechnet jetzt nicht? Verärgert gehe ich Richtung Schuppen. Alles ist wie immer. Rechts von einem Wagen hängen einige Arbeitsgeräte – Schaufeln, Rechen und eine Schneeschippe – an der Wand. Auf der linken Seite ist das Holz für den Kamin gestapelt. Im oberen Teil der Rückwand hängt ein altes Boot, das bestimmt seit vielen Jahren keinen Millimeter mehr bewegt wurde. Darunter liegt weiteres Brennholz. Während ich vor dem Holzstapel stehe, höre ich es plötzlich wieder, diesmal ganz deutlich. Ich höre es durch die Tür, die vom Schuppen ins Haus führt. Aber die ist ja abgeschlossen. Ich rase aus dem Schuppen und durch die Haustür wieder hinein. Inzwischen ist das Geräusch beinahe triumphierend, und es kommt eindeutig aus dem Keller. Ich war noch nie unten. Seit meiner Kindheit ängstigen mich Keller, diese in der Erde verborgenen Höhlen. Ich empfinde deutliches Unbehagen bei dem Gedanken, in diesen Raum unter meinen Füßen hinabzusteigen. Jetzt mach mal halblang, Karen. Dort unten ist vor allem der Heizkessel, der dich seit Wochen zuverlässig mit Wärme versorgt, ohne den könntest du hier nicht leben. Ich hole die Halogenlampe aus dem Wagen, öffne die Luke im Boden, und steige entschlossen in die dunkle Höhle hinab. Leo folgt mir aufgeregt und verschwindet sofort im Erdloch. Ich bleibe kurz auf der Holztreppe stehen, bis sich meine Augen an das Dunkel gewöhnt haben. Dann entdecke ich einen Lichtschalter. Nachdem ich ihn gedrückt habe, glimmt eine schwache Lampe auf. Etwas unsicher gehe ich die wackligen Holzstufen hinab. Fortsetzung folgt ...
31 Spät falle ich in einen unruhigen Schlaf. Unbarmherzig brennt die Sonne vom Himmel herab. Schweiß strömt mir aus sämtlichen Poren. Wir sitzen alle im Hof in einem Kreis. Die bullige Laguna steht in der Mitte und klopft mit zwei Blechdeckeln gegeneinander. Wir warten auf ein Zeichen, aber ich weiß nicht welches. Vermutlich wird Laguna dann den Rhythmus ändern oder lauter werden. Ich werde es schon merken, hoffe ich. Ich weiß, wenn das Zeichen erklingt, muss ich aufstehen. Ich fühle mich schwer, klebe förmlich auf dem heißen Asphalt fest. Was, wenn ich beim richtigen Zeichen nicht aufstehen kann? Werden mir die anderen helfen? Ich sehe mich im Kreis um. Die anderen blicken nur gleichgültig und abgestumpft vor sich hin. Nein, sie werden mir nicht helfen. Mein Körper glüht. Da ist wieder dieses Scheppern. Ist das das Zeichen? Ich erwache schweißnass, versuche angestrengt zu mir zu kommen. Meine Glieder schmerzen. Mein Körper ist fiebrig heiß. Hoffentlich werde ich nicht krank. Das würde mir gerade noch fehlen. Draußen ist es dunkel. Ich sehe auf den Wecker. Fünf Uhr. Noch so früh? Ich will mich umdrehen, doch dann erinnere ich mich an den Schreck von gestern und bin sofort hellwach. Da ist schon wieder dieses Geräusch. Einen kurzen Moment sehe ich in meiner Vorstellung eine Gestalt, die einen Fensterladen aufzuhebeln versucht. Schnell wische ich diesen Gedanken beiseite. Wenn ich jetzt nicht aufpasse, werde ich wirklich verrückt. »Reiß dich zusammen, Karen«, sage ich zu mir. Ich stehe auf und schalte alle Lichter an. Leo stürmt die Treppe herauf, ich drücke ihn an mich. Seine Unversehrtheit und sein zufriedenes Schnurren beruhigen mich. Ich brauche Kaffee, eine belebende Dusche, ein Aspirin für alle Fälle, und dann muss ich diesem Geräusch auf den Grund gehen. Diesmal werde ich nicht aufgeben, bevor ich weiß, was es ist. Fortsetzung folgt ...
30 Was, wenn diese Person noch im Haus ist? Dann kann ich nicht einmal davonlaufen. Fluchtgedanken jagen durch meinen Körper, doch wohin soll ich flüchten? Die Ausweglosigkeit lähmt mich. Ich denke an die bereits einsetzende Dämmerung und fühle mich in der Falle. Regungslos stehe ich und lausche konzentriert in die Stille hinein. Nichts rührt sich, außer dem gleichmäßig an- und ausgehenden Heizungsmotor. Inzwischen bin ich vom Stillhalten und der Anspannung völlig steif. Leo hat sich wieder in seinen Korb gelegt und schläft seelenruhig. »Warum bist du kein Hund? Einen Hund könnte ich gebrauchen, keinen verschlafenen Kater.« Als hätte Leo meine Gedanken verstanden, öffnet er die Augen, gähnt und schläft gleich wieder ein. Gerade ist der innere Sturm etwas abgeebbt, entsetzt mich ein anderer Gedanke. Was, wenn jemand im oberen Raum ist und auf mich wartet? Leise entferne ich den unter die Türklinke geklemmten Stuhl und greife entschlossen nach dem Schürhaken neben dem Kamin. In Zeitlupe schleiche ich in den Flur in Richtung Treppe. Leo scheint zu glauben, dass ich ins Bett gehe und springt freudig vor mir die Treppe hinauf. Sein Tapsen dröhnt laut in meinen Ohren. Ich bin entsetzt, wage aber nicht, ihn zurück zu rufen. Vorsichtig, jeden Schritt von Stufe zu Stufe setzend, gehe ich hinter ihm her. Leo ist offensichtlich verwundert, wo ich so lange bleibe und kommt mir erwartungsvoll entgegen. Es beruhigt mich einigermaßen, dass hinter ihm niemand erscheint und er sich vollkommen normal benimmt. Es ist wohl niemand da, sonst würde ich Leo etwas anmerken. Trotzdem sehe ich im Schlafzimmer erst vorsichtig in jede Ecke, bevor ich mich aufatmend auf das Bett setze. Vielleicht hatte ich ja wirklich nur vergessen, die Tür abzuschließen. Vielleicht hatten nur der Wind und der Durchzug die Manuskriptseiten auf den Boden geweht. Vielleicht, vielleicht ... Fortsetzung folgt ... 29 Der Winter hat das Land fest im Griff. Heute ist ein besonders unfreundlicher Tag. Das Hinausgehen kostet mich große Überwindung. Sturmböen fegen mir dichte Schneeflocken ins Gesicht und nehmen mir fast alle Sicht. Die Luft ist feucht und kriecht unter die Kleidung. Mich fröstelt, selbst in meinem daunengefüllten Anorak. Am liebsten möchte ich gleich umkehren, doch ich brauche Abstand zu meiner Geschichte. Es ist die einzige Möglichkeit, Shirley und Sarah wenigstens für kurze Zeit zu entkommen. Und es ist eine notwendige Erholung für mein erhitztes Gehirn. Als ich nach einer Dreiviertelstunde wieder vor meiner Haustür stehe, bin ich froh. Mit klammen Fingern taste ich nach dem Schlüssel in der Jackentasche. Plötzlich reißt der Wind die Haustür auf, stürmt vor mir in den Flur und wirft die ebenfalls aufspringende Schuppentür am Ende des Flurs mit lautem Knall ins Schloss. Dann ist der Spuk vorbei. Für einige Sekunden stehe ich erstarrt. Hatte ich denn die Haustür nicht verschlossen? Ich bin durcheinander. Und warum ist die Tür zum Schuppen offen? Ich überlege, wann ich zuletzt Holz für den Kamin geholt habe. Gestern, oder heute Morgen? Ich kann es nicht mit Gewissheit sagen. Ich hebe den Schlüssel der Schuppentür vom Boden auf. Durch die Wucht des Aufpralls ist er hinuntergefallen. Ich stecke ihn ins Schloss zurück und drehe ihn zweimal herum. Mir fallen die Fußspuren ein. Ich bin ja wahnsinnig, dieser Leichtsinn. Panik erfasst mich. Mit Herzklopfen und angehaltenem Atem betrete ich die Küche und das Wohnzimmer. Einige Seiten meines Manuskripts sind über den Boden verstreut. Ich möchte losschreien. Hier war jemand! pocht es in meinem Gehirn. »Keine Frage, hier war jemand.« Auch mein Kater wirkt verstört. »Leo warst das du?« brülle ich das verdutzte Tier an. Dann schwirren Wildhüter, unheimliche Fremde, flüchtende Verbrecher und untergetauchte Mörder durch meinen Kopf. Einer spontanen Eingebung folgend, verschließe ich die Tür und verbarrikadiere sie zusätzlich mit einem unter die Klinke geschobenen Stuhl. Werde ich jetzt verrückt? Fortsetzung folgt ...
28 Immer schon gab es Orte, die ich zu kennen glaubte, obwohl ich dort niemals war. Einer davon war Rom. Ich fühlte mich geborgen in den Gassen, zwischen den alten Häusern mit den vogelnestgleichen Balkonen und mit Rissen in den Wänden wie Falten in einem alten Gesicht. Forum Romanum, Kolosseum, Basilicka Aemilia, Via Appia; sepiabraune Bilder aus Kunstkatalogen, plötzlich in Farbe getaucht. Quirinal, Esquilin, Pincio, Gianicolo; Melodien, die weich mein Ohr umspülten. Sehnsuchtsvoll verharre ich einen Augenblick. Tom ist nach dem Treffen mit Sarah niedergeschlagen und bedrückt. Shirley erzählt er nichts von Sarahs Verdacht. Trotzdem ertappt er sich dabei, dass er Shirley mustert und sich fragt, ob diese Frau in der Lage wäre, eine Konkurrentin auf diese Weise aus dem Weg zu räumen? Shirley hat sich verändert. Sie strahlt Sanftmut aus und wirkt unsicher. Ihr ehemals so hinreißendes Lächeln ist selten geworden. Ist das die sensible, einfühlsame Shirley, die nun mitleidet? Teilt sie seine Schuld, oder hat sie sich schuldig gemacht? Nachdenklich betrachtet er ihr Gesicht. Es wirkt traurig, selbst jetzt, da sie sich tapfer um ein Lächeln bemüht. Auf einmal erinnert es ihn an Sarahs Gesicht und plötzlich lastet ein schweres Gewicht auf seiner Brust. Macht er alle Frauen unglücklich, die ihn lieben? Dieser Gedanke trifft ihn blitzartig und er sackt in sich zusammen. Shirley spürt es. Scheu legt sie ihre Arme um seine Schultern. »Tom, worüber denkst du nach?« Ihre Stimme ist zärtlich und flehend, die Augen ängstlich auf ihn gerichtet. »Tom, du kannst nichts für das, was geschehen ist«, versucht sie sein Schweigen zu überbrücken. Tom windet sich aus ihren Armen. Er dreht sich um, geht zum Fenster und starrt schweigend in die Nacht. Nach einem für Shirley beinahe unendlich langen Schweigen, beginnt er zu sprechen. »Sie wollte wegen mir, wegen uns, wegfliegen. Sie hat es nicht mehr ausgehalten, unser Glück zu sehen. Wir sind sehr wohl mitschuldig an dem, was geschehen ist.« »Aber Tom, sie war in den letzten Wochen so glücklich. Auch du warst überzeugt, dass sie wegen diesem Mitchell mitfliegen wollte«, wirft Shirley beschwörend ein. »Und genau das glaube ich heute nicht mehr«, presst Tom zwischen schmalen Lippen heraus. »Du hättest sie sehen müssen, dann hättest du keine ruhige Minute mehr.« Shirley bricht in Tränen aus. Sie will auf Tom zugehen, doch nach wenigen Schritten bleibt sie mit hängenden Schultern stehen. »Tom, ich kann mir vorstellen, dass es schrecklich ist. Nein, ich weiß, dass es schrecklich ist, aber wir tragen keine Schuld daran. Es ist ein grausamer Irrtum. Du glaubst doch nicht ... du glaubst doch nicht wirklich, dass ich so etwas wollte?« Es ist ein schmerzerfüllter Aufschrei, der in ein heftiges Schluchzen übergeht. Endlich nimmt Tom die weinende Frau in die Arme. »Entschuldige, nein, das glaube ich natürlich nicht.« Er birgt sein Gesicht an ihrer zuckenden Schulter. Verzweifelt klammern sie sich aneinander. Fortsetzung folgt ...
27 Am nächsten Morgen ist der Tumult meist verstummt. Die Landschaft wirkt friedlich und unberührt. Was geschieht nur mit mir? Dan hatte mich vor der Einsamkeit gewarnt. Ich hatte ihn nur ausgelacht und ihn an meine oft abenteuerlichen Reisen in abgelegene Gebiete erinnert. Doch ich kannte nur die Einsamkeit südlicher Länder mit ihrem Summen, Rascheln und Gezirpe, den vertrauten Stimmen der Natur. Dort drohte Gefahr, wenn alles verstummte. Hier, diese nördliche Einsamkeit ist anders. Obwohl ich oft unausgeschlafen bin, sind meine Sinne hellwach, meine Phantasie ist erregt. Stunden verbringe ich mit Sarah in der trostlosen Gefängniszelle. Zwei mal drei Meter groß ist der Raum mit dem kleinen vergitterten Fenster, viel zu hoch, um hinauszusehen. Selbst wenn sich Sarah auf die Steinliege stellt, sieht sie nur ein winziges Stück des blauen Himmels. Das Essen besteht nur aus einer klebrigen Masse, ausgeteilt in Blechnäpfen. Ich glaube, den ekelhaften Brei auf meiner Zunge zu spüren. Sarah lässt ihn meistens stehen. Ich begleite sie durch düstere Flure, in schimmelige Duschräume mit verrosteten Armaturen, wo sie nackt den neugierigen Blicken der anderen Frauen ausgesetzt ist. Schöne, hässliche, verwahrloste, junge und alte Gesichter taxieren sie, die einzige Weiße. Sie palavern, lästern, mustern sie, versuchen sie zu berühren und kichern, wenn sie sich entsetzt dagegen wehrt. Vier Mal am Tag ist Hofgang, manchmal öfter. Es hängt von der Laune der jeweiligen Aufsicht ab. Besonders die dicke, schwerfällige Matrone Laguna, die mit dem undurchdringlichen Gesicht, liebt es, die Gefangenen vor sich aufmarschieren zu lassen. Im Gänsemarsch müssen sie an ihr vorbei. Wieder und wieder. Die Aufseherin beobachtet sie durch die schmalen Schlitze in ihrem feisten Gesicht. Währenddessen brennt die glühende Sonne auf ihre ungeschützten Köpfe herab. Die Bilder bereiten mir einen vertrauten Schmerz. Woher kenne ich ihn. Die Mauern, die Sarah umgeben, wollen auch mich erdrücken. Mit ihr fühle ich die Hitze, die Kälte, den Ekel vor Gerüchen – Blut, Schweiß und Urin, aufgesogen vom modrigen Gemäuer und wieder ausgeatmet. Ich höre das Stöhnen Vergessener, das hallende Klappern von Blech, das Gellen von Schreien und gebrüllte Befehle. Mit Sarah starre ich voll verzweifelter Hoffnung zum winzigen Fenster hoch und fühle dabei das ängstliche Stolpern meines Herzens. Es liegt eine beklemmende Erinnerung in diesen Bildern, aus der ich nur mühsam auftauche. Fortsetzung folgt ...
26 Verstrickt in diese Träume, die Augen fest geschlossen vor der wahnsinnigen Angst, zieht Sarah gedankenverloren die schmutzstarrende Decke über sich. Shirley ist entsetzt über den Verlauf der Geschichte. »Karen, wie kannst du das zulassen?« »Was zulassen?« frage ich, unwillig über die Unterbrechung meiner Arbeit. »Es läuft gerade richtig gut.« Trotzig versuche ich weiterzuarbeiten. Shirley Blick ist vorwurfsvoll. Beharrlich bleibt sie vor mir stehen. Verwundert ziehe ich meine Augenbrauen hoch. Gibt es mal wieder Terror? Ich dachte, diese Phase wäre endgültig vorbei. »Du hast mir versprochen, dass ich diese undankbare Rolle nicht spielen muss, und jetzt?« »Was, und jetzt? Shirley, worüber beklagst du dich? Es ist Sarah, der es schlecht geht, nicht dir.« »Sarah, Sarah, Sarah, alles dreht sich nur um Sarah! Und obwohl ich völlig unschuldig an dem bin, was mit ihr geschehen ist, machen alle mich dafür verantwortlich.« »Wie kommst du darauf? Du und die anderen Leute sind momentan gar kein Thema.« »Ja, weil auch du dich nur noch um Sarah kümmerst. Ich merke genau, was geschieht. Ständig und überall wird in der ganzen Anlage getuschelt, und wenn ich komme, hören sie zu reden auf.« »Sie merken vermutlich, dass du unglücklich bist und nehmen Rücksicht darauf.« »Ach was, die nehmen keine Rücksicht auf mich, rücksichtsvoll waren die doch noch nie. Kannst du dich nicht erinnern, wie es war, als es mit Tom und mir begann?« »Ja, und ich erinnere mich, damals hat dich das überhaupt nicht gestört.« »Damals ging es mir gut. Heute geht es mir schlecht. Inzwischen kann ich nachts kaum noch schlafen.« Shirley stockt. »Irgendwie, ich weiß nicht warum, aber irgendwie fühle ich mich tatsächlich schuldig. Wenn das so weitergeht ... ich kann unter diesem Druck nicht arbeiten. Wie soll ich unter solchen Umständen Leute unterhalten?« Ihr Gesicht sieht bekümmert aus. Shirley geht es tatsächlich nicht gut. In ihren schwarzen Kirschaugen ist ein verdächtiges Glitzern, und um ihren Mund zuckt es leicht. Ich kann sie nicht so ignorieren, wie ich es mir eigentlich vorgenommen hatte. Deshalb versuche ich, sie zu beruhigen. »Shirley, du bist nicht schuld. Aber du bist an Sarahs und Toms Geschichte beteiligt, und die Ereignisse wirken sich natürlich auch auf dich aus.« »Aber das ist nicht fair! Ich habe das, was geschehen ist, nicht gewollt.« »Shirley, das weiß ich, aber das Leben ist nicht immer fair.« Ich versuche in meine Stimme einen ruhigen, beschwichtigenden Ton zu legen. Shirley hat ihn wahrgenommen und startet einen weiteren Versuch. »Aber du machst das doch alles, du bestimmst und niemand sonst! Es liegt in deiner Macht, alles zu ändern.« Mein Blick zeigte wohl große Verwunderung, denn sie hält plötzlich erschreckt inne. »Oder steuerst du die Geschichte gar nicht mehr?« Ihre Augen sind groß und ängstlich auf mich gerichtet. Ich schweige. Shirley mustert mich eindringlich. Ich bin ratlos. Dann gebe ich ihr die einzige Antwort, die ich ihr geben kann. Ich weiß nicht, ob diese sie beruhigt, aber sie ist immerhin ehrlich. »Shirley, manchmal müssen wir Dinge tun, ohne genau zu wissen warum. Aber ich bin mir sicher, dass der Verlauf der Geschichte genau so richtig ist.« Tränen haben sich aus ihren Augenwinkeln gelöst. Sie scheint einzusehen, dass sie nichts mehr ändern kann. Wir werden den nun eingeschlagenen Weg weitergehen, egal wie schwierig er wird. Wenn die Sätze in meinem Kopf wild durcheinander purzeln, ohne sich fangen zu lassen, verlasse ich das Haus. Der Schnee hat die Landschaft verändert. Selbst bei bewölktem Himmel ist es hell. Die Luft ist frisch und beinahe geruchlos. Anstelle des herbstlichen Farbenrauschs dominieren Schwarz und Weiß. Nur gelegentlich legt ein freundlicher Morgen oder die Abenddämmerung einen zarten Perlmuttschimmer über den Schnee, ein lichtes Blaugrau oder ein zartes Rosa. Der Atlantik mahlt grau und grummelnd vor sich hin. Ein träger Zementbrei, der mit dunklen Zungen an den Rändern der weißen Decke entlang leckt. Schwarze Bäume, im Tanz gefroren, begrenzen die Strandfläche. Alles Leben scheint unter Schneekristallen erstarrt. Die Landschaft wirkt unwirklich und entfaltet einen eigentümlichen Zauber. Zurück am Haus entdecke ich sie, Fußabdrücke im Schnee. Die sind nicht von mir, durchzuckt es mich. Ich habe seit vielen Tagen keinen Menschen mehr gesehen. Augenblicklich ist der eben gefühlte Zauber verschwunden. Mein Herz klopft schneller. Hypnotisiert folge ich den Spuren, die aus dem Wald gekommen sind, das Haus umkreisen, vor jedem Fenster anhalten und wieder im Wald verschwinden. Ein Neugieriger? Ein Waldarbeiter? Jemand von der Nationalparkaufsicht? Die Schuhsohlen sind groß, haben ein prägnantes, grobes Profil. Es knackt im Dickicht! Plötzlich bilde ich mir ein, dass mich jemand beobachtet. Mit angehaltenem Atem lausche ich und starre in den Wald. Nichts rührt sich. Um mich herum Stille, nichts als wattige Stille. Dann höre ich nur noch meinen eigenen Atem und mein laut pochendes Herz. An diesem Abend verschließe ich die Tür besonders sorgfältig und verriegle zum ersten Mal im Erdgeschoss sämtliche Fensterläden. Ich beruhige mich wieder. Trotzdem sind meine Sinne jetzt feiner gestimmt. Die meisten Geräusche bekommen nun eine andere Bedeutung. Je mehr ich sie zu ignorieren versuche, desto deutlicher dringen sie in mein Bewusstsein. Ächzende Holzdielen werden zu Schritten. Sogar die Samtpfoten von Leo werden zu grobem Getrampel, wenn er die Treppe hinauf oder hinunter springt. Das Knacken eines Astes wird zu einem Schuss und das Fauchen im Kamin zu einem langsam heranfahrenden Auto. Und da ist neuerdings dieses seltsam metallische Geräusch. Es erinnert mich an das Klappern eines Blech-Eimers, den jemand beim Gehen hin- und herschlenkert. Dann kommt es mir vor wie das Geräusch einer Säge, die sich hin und her bewegt. Manchmal ertönt es in gleichmäßigem Rhythmus, dann stundenlang gar nicht, so dass ich es vergesse. Wann hat es eigentlich begonnen? Besonders unheimlich sind mir die nächtlichen Geräusche. Dumpfes Gepolter. Eine Schneelawine vom Dach? Genau so gut kann es ein Schneeball sein, der gegen die Hauswand geschleudert worden ist. Ist es jemand, der mich aufwecken will, Einlass begehrt, in Not ist, oder jemand, der mich herauslocken will, um mich zu überfallen? Schritte knirschen. Geht er wieder, oder lauert er nur darauf, dass ich nachsehe? In stürmischen Nächten rüttelt der Wind an Fensterläden und Türen. Im Schlaf werden die Geräusche zu Dämonen, die aus den wild ans Ufer donnernden Wellen steigen oder sich jaulend aus dem Dickicht der frosterstarrten Wälder hinter dem Haus lösen. Fortsetzung folgt ...
25 Tom sitzt Sarah im Besuchsraum des Gefängnisses gegenüber. Er sieht sie besorgt, etwas ängstlich und unsicher an. Ihr Blick trifft ihn, bohrt sich in sein Innerstes hinein. Er wird ihn für die nächsten Wochen unentrinnbar begleiten. »Er ist schuld«, denkt Sarah, »er ist der Auslöser für das, was geschehen ist.« Doch während sie ihn ansieht, schnürt der Schmerz ihr die Kehle zu. Niemals vorher erschien er ihr so schön, so ernsthaft, so gereift und anziehend. Niemals war er ihr so fern und nah zugleich. In Sarah pendeln Schmerz und Groll hin und her, werden gleich stark, begegnen sich und verschmelzen zu einem glühenden Punkt. »Sarah ...« Tom sieht sie flehend an. Sie schluckt und sieht auf ihre Hände, bevor sie leise zu sprechen beginnt. »Nun hat deine neue Herzallerliebste erreicht, was sie wollte, ich bin aus dem Weg geräumt.« Tom zuckt zusammen. Der Hieb hat ihn getroffen. »Sarah, du glaubst doch nicht ...« »Wer sonst? Wer könnte ein Interesse daran haben, mir zu schaden, mich aus dem Weg zu räumen. Und – gibt es das Zeug nicht gerade dort, wo sie her ist?« »Das Zeug gibt es überall, das weißt du«, antwortet Tom beschwichtigend und abwehrend zugleich. Er ist erschüttert von ihrem Anblick und der Verzweiflung in ihren Augen. Sarah ist bleich und fahrig. Nichts ist übrig geblieben von dem Schwung, den sie in den letzten Wochen gezeigt hatte. Sarah, die schon davor auffallend abgenommen hatte, wirkt im kalten Neonlicht fahl, zerbrechlich. Scharfe Linien formen ihr Gesicht neu. Unter ihren Augen sind dunkle Ränder. Ihr Haar hängt strähnig herab. Sarah ist nur ein Schatten ihrer selbst. »Glaubst du womöglich jetzt auch, ich hätte etwas mit den Drogen zu tun?« Sie beobachtet ihn lauernd. »Aber nein, natürlich nicht«, er ist entsetzt. »Sarah, das glaubt niemand, der dich kennt. Sei nicht so verzweifelt, es wird, es muss sich alles aufklären. Vertrau mir, ich werde alles tun, was ich nur tun kann. Du wirst freikommen, ich verspreche es dir.« Spontan greift Tom nach ihrer Hand, berührt sie zart, streichelt die zitternden Finger, und für einen Moment werden sie ganz ruhig. Für einen winzigen Augenblick ist sie Sarah, seine Freundin, die junge, freie Amerikanerin. Für einen kurzen Augenblick sind sie ein Paar. Dann ist Sarah wieder allein, die Verlassene, die Kriminelle unter Kriminellen, die Drogenschmugglerin, Abschaum in einem Haus voller Abschaum. Entfernt aus der Gesellschaft der Normalmenschen, ordentlich aufgeräumt. Vielleicht hat sie ja doch etwas getan, was sie nicht hätte tun dürfen. Gegen irgendein Gesetz verstoßen, und das ist nun die Strafe dafür. Sie hat das Schicksal herausgefordert. Sie hat gespielt, sie hat das gemacht, was sie früher an anderen verurteilt hatte. Sie hat sich aufreizend verhalten, stolz, ja beinahe arrogant und überheblich. Dumm, dumm, dumm ... wie dumm sie war. Sie schaukelt vor und zurück, steht auf, läuft in dem eng begrenzten Raum herum, schließt die Augen, drückt mit beiden Händen auf ihre Ohren, bis der innere Strom ihr Meeresrauschen vorgaukelt. Dann legt sie sich auf die harte Pritsche und flüchtet sich in einen Traum, einen schönen, hoffnungsvollen Traum. Tom wird sie retten. Er hat es ihr versprochen. Er hat es ehrlich gemeint. Sie sieht seine Augen vor sich, so voller Wärme und Trauer. Sie hat es darin gelesen. Er wird alles tun, um sie hier herauszuholen. Sicher bereut auch er inzwischen die Affäre mit Shirley, und er verzeiht ihr den Flirt mit David Mitchell. Die Katastrophe wird sie wieder zusammenbringen. Es ist das Schicksal, das sie auf die Probe stellt. Fortsetzung folgt ...
24 Wo bleibt Tom überhaupt? Er kann sie doch nicht hier vermodern lassen. Trotz allem nicht. Niemals! Oder hat er es gar nicht erfahren? Vielleicht weiß er gar nicht, was mit ihr geschehen ist. Vielleicht weiß überhaupt niemand von ihr. Warum auch? Sie kann sich nicht erinnern, dass sie gefragt wurde, ob jemand verständigt werden solle. Grauen fließt aus ihrem Hirn in den Körper, überflutet ihn, sie beginnt zu zittern, weiß nicht, ist es Kälte oder Hitze. Ein Netz breitet sich über sie, ein in die Haut schneidendes Drahtgitter. Was, wenn sie sich sogar verbündet haben, Shirley und Tom, um sie gemeinsam aus dem Weg zu räumen? Wie Hohn empfindet Sarah nun das Hochgefühl, das sie kurz vor der Katastrophe empfand. »Nütz die Zeit, während ich fort bin, und finde heraus, was wichtig für dich ist«, hatte sie Tom beim Abschied an den Kopf geknallt. Dann war sie mit entschlossenen Schritten, ohne sich noch einmal umzudrehen, davongegangen. Wie lächerlich erschien ihr jetzt die Genugtuung über Toms Irritation. Seine Verunsicherung in den letzten Tagen und ihr Triumphgefühl, das David Mitchells Werben in ihr ausgelöst hatte. Niemals vorher war sie so entschieden aufgetreten und so eindeutig. Sie hatte sich unglaublich stark gefühlt. Und nun dieser Absturz. Hochmut kommt vor dem Fall. Wer hatte nur diesen Spruch immer gesagt? Sie kann sich nicht erinnern, doch nun verfolgt er sie. Habe ich mit meinem Verhalten das Drama heraufbeschworen, bin ich zu weit gegangen, habe ich damit alles selbst ausgelöst? Tausend Gedanken toben durch ihr Gehirn. Sarah bereut. Gern würde sie alles rückgängig machen. Am besten, sie hätte den Auftrag erst gar nicht angenommen. Sie könnte jetzt in der Anlage sein. Mit irgendeiner Banalität Gäste unterhalten. Welch hohen Preis soll sie nun dafür bezahlen, dass sie sich an Tom rächen wollte. Es geht um mein Leben. Mein Leben. Es geht hier wirklich um mein Leben. Heroinschmuggel, ach was, schon der Besitz von kleinen Mengen Drogen, egal welcher Art, wird hier mit dem Tode bestraft. Wieder kriecht ein Schauder über sie. Fast hätte sie spontan die grauenvolle Decke über sich gezogen. Aber der Ekel überwiegt das Kältegefühl. Sarah zieht die Decke mit zwei Fingern zur Seite, rollt sich zusammen, ein Embryo, dem Mutterleib zu früh entrissen. Eine Raupe, aus der Erde gescharrt und nun ungeschützt der Witterung preisgegeben. Sarah windet sich gequält, bevor sie in eine gefühllose Erstarrung fällt. In Maine hat der Winter begonnen. Als ich vor einigen Tagen das Haus verließ, schwebten muntere kleine Flocken durch die Luft. Das geschah öfter in letzter Zeit, doch diesmal ist es anders. Es riecht geradezu nach Schnee. Nun wird es nicht mehr lange dauern. Es passiert auch ganz plötzlich. Als hätte ich mit meinen Gedanken das dichte Wolkengebirge über mir losgetreten, setzt ein ungestümes Schneetreiben ein. Immer schneller und dichter wirbeln die Schneeflocken durch die Luft. Der Wind wird heftiger, und durch das dichte Treiben ist fast nichts mehr zu sehen. Ich drehe schnell um und haste zum Haus zurück. Als ich endlich wieder vor meiner Tür stehe, bin ich über und über mit Schnee bedeckt. Auch die Landschaft ist ganz weiß. Ich hänge meinen feuchten Mantel zum Trocknen in die Nähe der Heizung. Eine ganze Weile schaue ich gebannt dem stürmischen Schneetreiben vor meinem Fenster zu. Ich fühle mich geborgen. Der urtümliche Heizkessel im Keller unter meinen Füßen springt regelmäßig und zuverlässig an. Inzwischen habe ich mich an das Geräusch gewöhnt. Durch den Holzboden klingt es wie das gutmütige Brummen eines alten Bären. Zusätzlich mache ich meistens das Feuer im Kamin an. Ich liebe das heimelige Knistern und Prasseln. Die genüsslich am Holz leckenden Flammen werfen munter herumhüpfende Schatten an die Wand. Nicht weit davon entfernt liegt Leo die meisten Stunden des Tages zusammengerollt in seinem Korb und schläft. Ich dagegen arbeite beinahe atemlos. Fortsetzung folgt ...
23 Ich versuche mir das eben Geschriebene vorzustellen, nachzufühlen, ob es realistisch ist. Was passiert, wenn Liebe, Begehren, Zuwendung, Gefühle, die bis heute einem selbst galten, plötzlich einem anderen geschenkt werden? Ich sehe Rita und Dan vor mir, die wie zwei Verschwörer in der Küche verschwinden. Seltsam, dass sie mir gerade jetzt einfallen, ich habe kaum noch an sie gedacht. Dan und Rita in einer engen Umarmung – was würde das für mich bedeuten? Das Bild will mir nicht gelingen, steif und ungelenk wirken die beiden. Dann lachen sie mich aus, und die Bilder entgleiten mir. Sarah friert zum ersten Mal, seit sie in diesem Land ist. Ist es das kahle, graue Gemäuer, das sie umgibt, oder der seit der Festnahme am Flughafen anhaltende Schock? Ein Routineeinsatz sollte es sein, die Vertretung einer erkrankten Kollegin. War diese etwa aus einem anderen Grund ausgefallen? Sarah weiß es nicht mehr, sie hatte den Job angenommen, ohne lange nachzudenken. Sie war froh, für einige Tage wegzukommen. Doch sie kam nicht weit, nur bis zum Flughafen, bis zu dem Band, auf das sie ihr Gepäck gelegt hatte und dann noch durch die Kabine, in der sie überprüft wurde. Danach überschlugen sich die Ereignisse. Ein Film begann, und sie war plötzlich mittendrin. Sie ist in einem Büro, ihre Wäsche liegt ausgebreitet auf einem Tisch, ihre Toilettenartikel und dazwischen das kleine Paket – das sie nicht kennt –, obwohl es zwischen all ihren Sachen liegt. Menschen umringen sie, reden auf sie ein. Es geht immer um das kleine unscheinbare Paket. Aus dem Packpapier wickeln sie Plastiksäckchen, in die ein bräunliches Granulat eingeschweißt ist. »Das ist nicht von mir«, wiederholt sie. »Aber das ist doch Ihre Tasche – ist das Ihre Tasche?« »Ja, das ist meine Tasche, aber das ist nicht von mir, nicht dieses Paket mit dem braunen Zeug, nein ...« Ein Alptraum hat begonnen, in ihrem Gehirn blitzen grelle Lichter auf, ein Szenarium, von dem sie oft gehört hat, spielt sich ab – vor ihr, um sie herum. Sie weiß genau, was hier geschieht, und kann es doch nicht glauben. Sie selbst hatte stets die Gäste davor gewarnt. Nie war es in ihrem Umfeld passiert, und nun ist sie mittendrin, als Hauptdarstellerin. Sie reden nicht mehr mit ihr, sie haben sich von ihr abgewendet. Als ob sie nicht mehr da wäre, unterhalten sie sich in einer Sprache, die sie nicht versteht. Aber sie sprechen über sie, das weiß sie trotzdem. Plötzlich werden ihr die Arme brutal auf den Rücken gebogen, Handschellen klicken um ihre Handgelenke, kalte unbeteiligte Gesichter. Münder bellen Anweisungen, grob in fremden unverständlichen Worten, doch der Ton ist unmissverständlich. Sie wird zu einem Auto geschubst, dann fahren sie durch die Stadt. Die wohlvertrauten Straßen sieht sie nun ganz verschwommen. Durch einen Nebel – oder sind das Tränen? Sie weint nicht, sie will nicht weinen, hat sich abgeschottet, Mund und Ohren verschlossen und sogar die Poren. Wie in durchsichtige Folie eingewickelt. Seit mehreren Stunden sitzt sie nun in diesem grauen, trostlosen Gemäuer, einem Verlies mit einer steinernen Bank und einer schmutzigen Matratze darauf. Sarah sitzt steif auf dem, was ein Bett sein soll, und bemüht sich, eine offensichtlich mit Schmutz und Angstschweiß durchtränkte Wolldecke nicht zu berühren. Sie lauscht auf Schritte. Alles wird sich aufklären, es ist ein Irrtum oder vielleicht auch nur ein böser Traum. Sie hat Angst vor den fremden Geräuschen. Aber die Stille ist noch schrecklicher. Die Schritte sagen ihr immerhin, sie ist nicht allein. Wenn es still ist, fühlt sie sich eingemauert, eingemauert in einer Gruft. Der Projektor in ihrem Gehirn wirft grelle Bilder auf die Wand. Shirley umarmt Tom, ein selbstzufriedenes Lächeln liegt auf ihrem Gesicht. »Sie weiß es! Jawohl, sie weiß, dass ich in diesem Gefängnis bin.« Sarah ist sich absolut sicher. »Sie weiß, dass ich nicht mehr komme.« Neue Bilder. Shirley bückt sich über ihre Tasche, sieht sich kurz um und steckt schnell etwas hinein. Sarahs Phantasien überschlagen sich. »Natürlich Shirley, das war Shirley, sie hat mir das Heroin ins Gepäck geschmuggelt.« Oder sie hat jemanden veranlasst, es zu tun. Sie sieht Shirley mit einem Flughafenangestellten flüstern, dabei strahlt sie ihn an mit ihrem verführerischen Lächeln, den aufblitzenden schwarzen Augen. Er errötet geschmeichelt und verwirrt, dann nickt er wie in Trance. Es kann nur Shirley gewesen sein, hämmert es in Sarahs Kopf. Sie wollte die Entscheidung herbeiführen. Sie wollte nicht mehr länger warten. Vielleicht hatte sie sogar befürchtet, Tom könnte sich letztendlich für sie, Sarah, entscheiden. Ja, sie hat es getan, sie wollte die Rivalin, die plötzlich stark und selbstbewusst auftrat, endgültig ausschalten. Fortsetzung folgt ...
22 Bilder tauchen auf, bedrängen ihn. Die Erinnerung an die junge, süße, schüchterne Sarah – fünfzehn war sie, als er sie kennen lernte – und an die blühende, attraktive, selbstbewusste Frau, zu der sie bald wurde. Alle haben ihn um Sarah beneidet und sich gewundert, was sie an ihm fand – dem schlaksigen, noch unfertigen Mann, der er damals war. Vor ihm liegen die Scherben ihrer Zukunftspläne. Hinzu kommt die Verwirrung ihrer gemeinsamen Freunde, der Familien und Kollegen. Das alles hat er aufs Spiel gesetzt für Shirley, seinen Wirklichkeit gewordenen Traum. Wie ein reißender Strom zieht ihn ihre Leidenschaft mit. Ihre ungestüme Lebendigkeit hat ihn verändert. Shirley bringt Saiten in ihm zum Klingen, von denen er nichts wusste. Verblüfft verspürt er plötzlich Lust, Elvis Presley zu imitieren oder genießt das frivole Vergnügen, mit Shirley Tango zu tanzen. Verwundert registriert Tom, dass er mit seinen gelegentlich ungewollt komischen und eigenwilligen Schrittvariationen die Gäste bald mehr amüsiert als Shirley und Ricardo mit ihrer Professionalität. Und er genießt es, dann im Mittelpunkt zu stehen. Mit einem Mal sind da tausend neue Möglichkeiten. Nichts muss, doch alles kann geschehen. Das Leben umbrandet ihn, lässt ihn sprühen. Die Farben seiner Umgebung glühen auf. Rotgoldene Lava, dunkler Samt, Tintenblau, violetter Flieder, Efeugrün und Sonnengelb. »Macht das die Liebe«, fragt er sich wohl zum hundertsten Mal, »die viel besungene, beschworene, wahre große Liebe?« Oder unterliegt er einer Verwirrung der Sinne? Aber er will es nicht wirklich wissen, er hat ohnehin keine Wahl. Auch ich fühle mich von einem Sog erfasst. Meine Sympathie pendelt zwischen den zwei Frauen hin und her. Ich erkenne mich selbst in der empfindsamen, ernsten Sarah und fühle mich gleichzeitig zunehmend von der temperamentvollen Shirley eingenommen. Neugierig taumle ich mit meinen Protagonisten durch die Ereignisse, fiebere mit ihnen dem Höhepunkt der Geschichte entgegen. Entscheidet sich an deren Ende auch mein eigenes Geschick. Sein Auftritt ist unauffällig. Die Haare trägt er kürzer, seine Augen strahlen in einem intensiven Blau. Mr. Mitchell, der gutaussehende neue Mann in Sarahs Leben, ist unverkennbar mein Nackter vom Strand. Diesmal allerdings gut gekleidet. Sarah ist hingerissen von ihm, und auch er weicht bald nicht mehr von ihrer Seite. David Mitchell bringt Sarah zum Lachen. Er ist Balsam für ihre Wunden die erlittenen Verletzungen. Ihr Schmerz ebbt ab. Dank David wird Sarah wieder schön und selbstbewusst. Ihre Augen leuchten, und ihre Stimme verliert den klagenden Unterton. Die neue Sarah klingt herausfordernd, ja beinahe provokant. So will es zumindest Tom erscheinen. Ihre Schritte sind schwungvoll, signalisieren Entschlossenheit, und er glaubt sogar ein kesses Schwingen ihrer Hüften zu entdecken. Steckt in der sanften, ruhigen Frau tatsächlich auch ein Vamp, und er hat es nur nie bemerkt, oder spielte sie gekonnt eine Rolle? Tom spürt Verärgerung in sich hochsteigen. Warum macht sie das? So kann sich kein Mensch verändern. Außerdem ist dieser Mitchell gar nicht Sarahs Typ. Zudem verstößt sie gegen ein bislang eisern eingehaltenes Prinzip, niemals etwas mit Gästen anzufangen. Tom kommt zu dem Schluss: Das ist nicht echt, sie rächt sich an mir, sie will mir eins auswischen. Im nächsten Moment beschäftigen ihn allerdings weitere unangenehme Gedanken. Wird Sarah mit Mitchell schlafen? Wird sie sich ihm hingeben, diesem hergelaufenen Urmenschen, diesem Tarzan in Designerklamotten? Hat sie vielleicht schon getan? Sarah mit diesem Fremden in einer Umarmung, nicht anklammernd und verzweifelt wie zum Schluss mit ihm, sondern leidenschaftlich, suchend, forschend, neugierig im wahrsten Sinne des Wortes. Diese Gedanken sind scharfe Bisse in sein Fleisch, überziehen bald den ganzen Körper und nagen an seiner glatten Hülle. Unwillig schüttelt er sie ab. Fortsetzung folgt ...
21
Plötzlich zucke ich unter einem schrillen Schrei zusammen. Eine Möwe ist im Sturzflug dicht an meinem Kopf vorbeigeschossen. In elegantem Bogen zieht sie weiter und verschwindet im Durcheinander der anderen. Sie bewegen sich so frei! Sehnsüchtig blicke ich ihnen nach. Ob die Möwen immer genau wissen, was sie tun? Ob sie ihre Wege im Voraus kennen? Sind sie wirklich frei, oder folgen sie einem vorgegebenen Plan? Ich beneide sie um die Leichtigkeit, die ihr Flug vermittelt. Könnte ich doch auch Flügel ausbreiten und segelnd durch die Lüfte schweben. Es müsste herrlich sein, sich von der Erde abzuheben. Ich schließe die Augen, erlaube mir die Vorstellung, wie es sein könnte. Sehnsuchtsvoll breite ich die Arme aus und drehe einige Pirouetten. Ein angenehmer Taumel erfasst mich, und ich drehe mich weiter, immer schneller und schneller, bis die Welt um mich zu kreisen scheint. Ich habe Mühe anzuhalten, mir ist schwindelig, und ich fühle mich, als hätte ich zu schnell ein Glas Champagner getrunken. Leicht und beschwingt schwebe ich weiter. Habe ich mit den schnellen Bewegungen auch eine schwere Last von meinen Schultern geschleudert? Ich gehe bis zu der Stelle, an der die Felsen ins Wasser ragen und der Strand endet. Hier sah ich vor wenigen Wochen den nackten Fremdling. So weit bin ich seither nie wieder gegangen. Den Mann, den ich fast vergessen habe, sehe ich nun deutlich vor mir mit seinem wuscheligen Haarschopf und dem Vollbart, der bis auf die grauen, so durchdringend blickenden Augen fast das ganze Gesicht verdeckte. Ein komischer Kerl. Ich kann ihn nicht einordnen. Er könnte ein kauziger Naturbursche sein, aber auch wild, gefährlich und unberechenbar, vielleicht sogar wahnsinnig. Und dann habe ich die Idee, so klar und selbstverständlich, dass es mich wundert, warum ich nicht früher darauf gekommen bin. Beinahe erscheint es mir, als hätte mir der Himmel diesen Mann geschickt. Warum soll ich ihn in meinem Roman nicht mitspielen lassen. Ja, genau so kann es weitergehen, und ich kann alles lassen, wie es ist. Erleichtert atme ich auf. Zuversichtlich gehe ich mit schnellen Schritten zum Haus zurück und mache mich unverzüglich an die Arbeit. Alles fällt an seinen Platz, sagte Großmutter immer, wenn mir als Kind etwas trotz – oder gerade wegen größter Anstrengung – nicht gelingen wollte. Nun fällt mir dieser Satz ein, und zum ersten Mal macht er Sinn für mich. Zahllose Mosaiksteinchen habe ich in die Luft geworfen, und im Herabfallen fügten sie sich zu einem sinnvollen Bild zusammen. Nun ist der Fortgang der Geschichte klar. Hastig fliegen meine Finger über die Tastatur. Sätze fallen aufs Papier, werden zu Absätzen und ganzen Kapiteln. Stunde um Stunde sitze ich an meinem Arbeitsplatz. Gespannt beobachte ich die Entwicklung. So wie ich einst Großmutter beim Klöppeln zusah, fasziniert, wie sicher sie die Holzkegel bewegte und wie aus dem wirren Durcheinander vieler Fäden nach und nach ein vollkommenes Muster entstand. Die Unruhe der letzten Wochen ist vorbei. Anscheinend ist das herbeigesehnte Wunder tatsächlich geschehen. Meine Figuren sind jetzt stärker und vollkommener, als ich sie mir ausgedacht hatte. Ausgestattet mit allem, was sie zu echten und lebendigen Menschen macht. Ich lasse mich von nichts und niemandem mehr entmutigen, nehme ich mir vor. Damit ich es nicht vergesse, notiere ich diese Worte auf einen kleinen Notizzettel und befestige ihn am unteren Bildschirmrand, wo ich ihn immer im Blickfeld habe. In meiner Geschichte ist ein Wettkampf im Gange. Ein Punkt für Shirley, dann wieder ein Punkt für Sarah, ein Schlagabtausch zwischen zwei völlig unterschiedlichen Temperamenten. Shirley spielt siegesgewiss, mit kraftvollen, flinken, selbstsicheren Zügen. Sarah wirkt erschöpft, doch zäh und erstaunlich ausdauernd. Gelegentlich scheinen sich ihre Augen flehend auf mich zu richten. Ich bin betroffen. Doch ihre Schwäche ist zugleich Stärke. Sie trifft Tom mitten ins Herz. Fortsetzung folgt
20
Minutenlang liege ich bleischwer und bewegungslos im Bett. Die Euphorie des Vorabends ist verflogen. Robert verheiratet? Sicher, es war nur ein Traum, aber was weiß ich denn von ihm? Könnte es nicht tatsächlich so sein? Ich erinnere mich an unsere erste Begegnung. Hatten nicht sofort sämtliche Alarmsignale bei mir geschrillt? Hat mich dieser Traum vielleicht nicht nur daran erinnert, was ich schon längst wusste, aber verdrängt habe? Ich halte es für durchaus möglich, dass Robert verheiratet ist. Ja, ich bin mir sogar ziemlich sicher. Oder warum sollte er nicht wenigstens weitere Freundinnen haben? Schließlich hatte er auch mit mir von der ersten Minute an heftig geflirtet. Seine Lebensweise ermöglicht ihm ein Doppel- oder sogar Mehrfachleben ohne große Schwierigkeiten. Wie ein Kartenhaus ist meine Vision in sich zusammengestürzt. Mein kindlich romantischer Tagtraum von gestern beschämt mich heute. Wie konnte ich mich nur so treiben lassen? Ich habe genau das getan, was ich Rita immer vorgeworfen habe. Ich habe jegliche Vernunft beiseite geschoben. Selbst wenn Robert nicht verheiratet ist und es keine anderen Frauen in seinem Leben gibt, hat er oft genug betont, dass eine Beziehung für ihn kein Grund ist, sein Leben zu ändern. Wie ernst er das meint, hat er in der Beziehung mit Rita deutlich gezeigt. Warum sollte er das wegen mir ändern? Ich bin verrückt. Womöglich galt seine Freundschaft und Sympathie der Frau, die ihm wesensverwandt erschien, gerade in dem Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit. Sicher hat er an einen netten, unkomplizierten Kontakt gedacht, während ich in meine frühesten Mädchenträume zurückgefallen bin. Wie einfach und unkompliziert war es mit Dan. Von Anfang an. Über die Ernsthaftigkeit unserer Beziehung musste ich nicht rätseln. Warum hat mir das alles nicht mehr genügt? Vielleicht gibt es das große, dauerhafte Glück überhaupt nicht, oder ich bin zu einer solchen Beziehung nicht fähig. Vielleicht ist Robert der Wolf, der mich dazu verführt, vom geraden, klaren Weg abzuweichen. Vielleicht hätten Dan und ich unsere Krise überwunden, wenn Robert mir nicht begegnet wäre. Wieder stoßen meine Gedanken an eine Begrenzungsmauer, an der es nicht weitergeht. Unruhig laufe ich im Haus herum. Auch draußen fühle ich mich nicht mehr frei. Ich haste am Ufer entlang, ohne meine Umgebung wahrzunehmen. Ebenso ungeduldig renne ich ins Haus zurück. Irgendetwas treibt mich. Die Tage entgleiten mir. In einem halben Jahr wird Clifford das Haus wieder selbst beziehen. Spätestens dann wollte ich mein Buch fertig haben. Während der ersten zwei Monate glaubte ich, das wäre kein Problem. Nun bin ich mir nicht mehr sicher. Ich möchte arbeiten und kann es nicht. Was ist, wenn ich es nie mehr kann? Wenn es mir hier genauso geht wie in Boston. Wenn ich den Rest meiner Zeit am Schreibtisch sitze und dabei nur zum Fenster hinaus starre? Ich wünsche mir ein Wunder, ein winzigkleines, einen einzigen guten Satz oder wenigstens ein schönes Wort, das alles wieder in Bewegung bringt. In meiner Not fange ich zu putzen an. Ich wische Fensterbänke und Regale ab, schrubbe Fußböden und räume Schränke um. Ich stelle eine Liste mit Tätigkeiten auf und arbeite sie Punkt für Punkt ab, geradeso als ließe sich damit auch die Unordnung in meinem Inneren beseitigen. Die Tätigkeiten sind das Geländer, an dem ich mich entlang hangele, sie sind mein Schutz vor einem gefährlichen Abgrund. Manchmal ändern sich Dinge eines Tages ganz von selbst. Doch ich spüre bleiernen Stillstand und weiß nicht, was geschehen müsste, damit sich das ändert. Ich fühle mich gelähmt. Ich bin Dornröschen hinter der Dornenhecke, nach jenem verhängnisvollen Stich. Einhundert Jahre schlief Dornröschen, bis der Prinz kam, das dichte Gestrüpp entfernte und sie mit einem zärtlichen Kuss aufweckte. Es schüttelt mich. Widerwille steigt in mir hoch, Ablehnung gegen die klebrige Süße der Bilder aus meiner Kinderzeit. Nein, ich bin nicht Dornröschen. Ich will nicht warten, bis ein Prinz kommt, der mich rettet. Wieder umkreise ich meinen Schreibtisch, taste mich an einem unsichtbaren Hindernis entlang, das mich davon abhält, mich hinzusetzen, den Computer einzuschalten und weiter zu schreiben. Ich lese in meinem Manuskript. Das hat mir in der Vergangenheit gelegentlich geholfen. Die Geschichte, die ich erst vor wenigen Wochen begann, erscheint mir fremd. Das überrascht mich, doch die Geschichte gefällt mir. Zuversicht regt sich. Irgendwie hatte ich wohl befürchtet, sie wäre nicht gut, und das würde mich am Weiterschreiben hindern. Das ist es nicht. Dann fällt mir etwas anderes auf. Jetzt sollte eigentlich die Szene kommen, in der Shirley Rauschgift in Sarahs Gepäck schmuggelt. Dies würde dann am Zoll entdeckt werden, und Sarah käme ins Gefängnis. Auf diese Weise sollte Shirley versuchen, ihre Konkurrentin aus dem Weg zu räumen. Und auf einmal weiß ich, das funktioniert nicht. Ich kann die Geschichte so nicht weiter schreiben, nicht mit dieser Shirley. Für eine derart gemeine Aktion ist sie viel zu sympathisch. Ich kann es nicht. Und kein Leser würde das akzeptieren. Dieses Verbrechen sollte jedoch der Höhepunkt der Geschichte sein. Mir ist klar, dass ich nicht weiter schreiben kann, wenn das Herz der Geschichte nicht funktioniert. Ich bin total erschlagen. Das hieße ja, ich kann gar nicht weiter schreiben. Es ist nicht nur eine kleine, vorübergehende Krise. Ich könnte losheulen. Die ganze Arbeit, die in dem Roman steckt! Wie konnte es nur geschehen, dass mir diese verhängnisvolle Entwicklung nicht aufgefallen ist? Und doch, es gab Warnsignale, die mir zeigten, dass etwas aus dem Ruder geraten war, meine Figuren sich in eine ganz andere Richtung entwickelten? Ich hatte sie ignoriert, und nun muss ich dafür büßen. Geknickt sitze ich vor meinem Computer, pendle zwischen Resignation und Auflehnung. Mein Eigensinn gewinnt. Nach einer halben Stunde, in der ich zum wiederholten Male das Bündel Notizzettel energisch von allen vier Seiten zu einem akkuraten Stapel geklopft, den Bildschirm abgestaubt und mit Wattestäbchen gründlich die Zwischenräume der Tastatur gereinigt hatte, schalte ich das Gerät ein. Ich lasse den Text langsam auf dem Bildschirm abrollen. Wo könnte, wo müsste ich beginnen? Als sich Tom und Shirley ihrer Liebe füreinander bewusst werden, oder schon früher, als sie sich noch unsicher umkreisen? Absatz für Absatz gehe ich zurück. Ich konstruiere neu, experimentiere, fasse Entschlüsse, um sie wieder zu verwerfen. Zu sehr ist die Geschichte aus einem Guss, ich kann sie nicht ändern, ohne das gesamte Gewebe zu zerstören. Aufstöhnend koche ich erst einmal Kaffee. Er schmeckt mir nicht. Ich brauche frische Luft. Die im Raum empfinde ich plötzlich als heiß und abgestanden. Ich ziehe den Mantel an und verlasse beinahe fluchtartig das Haus. Draußen empfängt mich frische würzige Herbstluft. Erleichtert fühle ich die angenehme Kühle auf meiner heißen Stirn. Nur schwach blinzelt die Sonne durch einen dunstigen Schleier. Dort, wo im September fast täglich ein buntes Treiben herrschte, ist eine weite, leere Fläche. Gelegentlich ein Stein, Muscheln und ab und zu weiße, ausgebleichte Äste, die wie Skelette gegen den Himmel ragen. Da ist die Stelle, an der ich nur wenige Wochen zuvor das junge Paar sah – für mich nun Sarah und Tom. Der Platz, an dem sie herumtobten wie Kinder, wie junge Katzen sich balgten und wenig später zufrieden und glücklich in der Sonne dösten. Plötzlich bin ich traurig. Dann beschließe ich trotzig: Wie auch immer, ich werde diese Geschichte zu Ende schreiben. Die Figuren sind zu lebendig geworden. Sie aufzugeben, käme mir vor wie Mord.
Fortsetzung folgt ...
19
Nun fällt es mir schwer, Grace weiter zuzuhören. Was hat Robert vor? Warum hat er keine Nachricht hinterlassen? Wird er sich wieder melden oder eines Tages einfach vor meiner Tür stehen, wie er es scherzhaft angekündigt hat? Auf der Heimfahrt scheine ich zu schweben. Ich fühle mich federleicht. Hoffnung lodert auf. Nichts ist für immer festgeschrieben, kein eingeschlagener Weg unabänderlich. Neues ist jeden Tag möglich. Erwartung ist in mir, unvernünftig und doch verlockend süß. Ein knisterndes Prickeln wie an Weihnachten, unmittelbar vor der Bescherung – oder vor einem lang ersehnten ersten Rendezvous. Ich verdränge den Gedanken an schlechtes Wetter und lange Wintermonate und bin überzeugt, dass bald etwas Wunderbares geschehen wird. Robert, ich sehe ihn vor mir, spüre seine Umarmung und schmecke seinen Kuss. Eine weiche Welle umspült mich. Robert, Robert, wie soll ich jemals wieder einen klaren Gedanken fassen können? Ich sehe ihn auf mich zukommen. Endlich. Warum haben wir nur so lange gebraucht. Ja, warum könnte, warum sollte es nicht einfach so sein? Mit Robert? Warum nicht mit ihm? Alle Bedenken über Bord werfen und es einfach wagen. Mein Herz macht einen kleinen Satz. Einfach heraus aus der Verwirrung, hinein in die Arme des herbeigesehnten Mannes. Da ist es wieder, dieses längst vergessen geglaubte Verlangen. Ich stelle das Auto ab und laufe ohne auszupacken zum Wasser hinunter. Und ich spiele das Spiel, das ich als Kind so gern mochte. Ich tue so, als wäre das, was ich mir wünsche, Wirklichkeit. Ich male es mir aus, in schillernden Farben. Robert geht neben mir den Strand entlang. Seine Hand umschließt die meine. Manchmal spüre ich ihren zarten Druck. »Es ist schön hier, ich kann dich verstehen«, sagt er zu mir. Ich sehe und spüre die Sonne. Wir genießen den Wind, der uns sanft umweht, die Möwen, kleine silberne Pfeile, an uns vorbeifliegen und gelegentlich schrille Schreie ausstoßen. Unsere Schritte werden begleitet vom gleichmütigen Gemurmel des Wassers. Ich erzähle Robert von den unzähligen Stunden, in denen ich hier entlanggewandert bin. Ich erzähle ihm von Wind und Sturm. Von den sommerlich heißen Tagen, die fröhliche Menschen an den Strand gespült haben. Wie ich Sarah und Tom hier zum ersten Mal begegnet bin. Bei den Felsen angekommen, setzen wir uns. Er legt den Arm um mich, und wir betrachten den weit entfernten Horizont. Dabei denken wir an Europa, die Welt auf der anderen Seite des Atlantiks. Wir überlegen, wo wir jetzt gerne sein möchten. Auf dem Eiffelturm, mit Paris zu unseren Füßen, auf der Croisette in Cannes, oder in Rom, vielleicht bei der Fontana di Trevi, ich werfe drei Münzen hinein, das soll Glück bringen. Robert, ich kann ihn mir überall vorstellen, braungebrannt, groß und gut gebaut. Klick, Klick, Klick, unersättlich verschlingt seine Kamera das reichhaltige Angebot. Doch der Blick seiner braunen Augen gehört nur mir. Auch ich bin braungebrannt und glückstrahlend. Wie früher. Ich spüre weder den Wind, noch bemerke ich das Grau am Himmel. Zurück im Haus hält meine euphorische Stimmung an. Die Zukunft ist ein großes Versprechen. Nachdem ich die Einkäufe verstaut habe, bereite ich mir einen Tee zu. Bald werden wir vielleicht gemeinsam Tee trinken, gemeinsam planen, irgendwann gemeinsam Koffer packen. Hingehen, wo es uns gefällt, schreiben und fotografieren. Ich muss mit Grace darüber reden. Ob Robert ihr gefällt? Ich kann in dieser Nacht lange nicht einschlafen. Zappelig wälze ich mich von einer Seite auf die andere, bis ich endlich in den frühen Morgenstunden in einen unruhigen Schlaf falle. Ich bin erstaunt, Rita zu sehen. Wie ein Schatten steht sie in dem dämmrigen Raum. »Rita!« Sie sieht blass aus. »Rita, was machst du denn hier?« frage ich überrascht. »Ich will Robert zurückhaben«, antwortet sie mit tonloser Stimme. »Aber Robert ist gar nicht hier.« »Doch, er ist hier. Meinst du, ich habe nicht mitbekommen, was ihr ausgemacht habt? Glaubst du, ich habe nicht gesehen, dass du von Anfang an Interesse an ihm hattest.« »Rita, ich bin doch weggegangen!« »Ja, weil du Freiraum wolltest. Ich weiß schon, welchen Freiraum du meinst. Und ich dachte, du wärst meine Freundin.« Verächtlich blickt sie mich an. Ich fühle mich schlecht und spüre Schuldgefühle in mir hochsteigen. »Ich weiß nicht, was du willst, Rita, es ist gar nichts geschehen, du warst doch immer dabei.« »Aber jetzt wollt ihr allein und ungestört sein.« »Robert ist nicht hier!« »Meinst du wirklich, ich bin blind und sehe ihn nicht?« Nun entdecke auch ich ihn, Robert, auf einer Bank in einer dunklen Ecke des Raums. Er beobachtet uns wie ein Zuschauer. Irritiert wandert mein Blick zwischen ihm und Rita hin und her. »Er macht das immer wieder, besucht andere Frauen, und ich muss ihn zurückholen. Was glaubst du, wie oft ich das schon gemacht habe.« »Du meinst, wenn er weg geht, dann ist er immer bei anderen Frauen und fotografiert gar nicht?« »Ja, was hast denn du gedacht?« Ich bin entsetzt. »Er hat gesagt, dass er mich liebt.« »Und das hast du wirklich geglaubt?« »Robert!« Hilfe suchend sehe ich mich nach ihm um. »Sag doch etwas.« Robert zuckt nur wortlos mit den Schultern. »Übrigens ist Robert verheiratet«, schiebt Rita eiskalt nach. »Nein! Das ist nicht wahr!« Robert hat inzwischen den Blick zu Boden gesenkt. »Und du«, fauche ich Rita jetzt wütend an, »warum bist du dann mit ihm befreundet?« »Ich bin bereit, ihn zu teilen, du jedoch nicht, du willst ihn für dich allein.« Schweißgebadet erwache ich aus dem Alptraum.
Fortsetzung folgt ...
18
Obwohl ich vermute, dass sie Recht hat, bin ich nicht bereit, meinen heimlichen Traum aufzugeben. Zu deutlich sehe ich seine schwarzen Augen vor mir. Viele Worte, die er im vergangenen Jahr sagte, bekommen nun eine ganz andere Bedeutung. Und immer wieder spüre ich seinen Kuss. Auch wenn dieses süße Geheimnis das Einzige ist, was mir von dem Moment geblieben ist, so ist es doch mehr als alles, was seit langem geschah. Grace streicht beruhigend über meine Hand, die nervös an einer Serviette herumzupft. »Ich komm gleich wieder.« Sie ist aufgestanden, um die Kaffeekanne zu holen, dann füllt sie erneut unsere Tassen. »Grace, warum ist das Leben, warum sind Beziehungen nur so schwierig?« »Lass dich nicht hängen, Mädchen, das bleibt nicht immer so. Vielleicht hat sich mehr geklärt, als du jetzt glaubst.« Fragend blicke ich Grace an. Ahnt sie, dass ich etwas vor ihr verberge? Doch ich lese nichts Derartiges in ihrem Gesicht. Es ist mir freundlich zugewandt wie immer. Das beruhigt mich. Der Verlust ihrer Freundschaft käme einer Katastrophe gleich. Mein Leben ist auch so schon schwierig genug. Das Wochenende in Boston hat mich zurückgeworfen. Alles ist so anders. Es gelingt mir nicht, meinen gewohnten Tagesablauf aufzunehmen. Auch meine täglichen Schwimmübungen habe ich eingestellt. Obwohl ich am Schluss ziemlich abgehärtet war, ist es mir jetzt doch zu kalt. An meinem Buch kann ich nicht weiterarbeiten. Fast kommt es mir vor, als wären auch Sarah, Tom und Shirley verreist und noch nicht zurückgekehrt. Ich räume im Haus auf, koche, trinke Kaffee oder versuche zu lesen. Wenn ich vor innerer Anspannung nicht mehr sitzen kann und wie ein eingesperrtes Wildtier im Raum hin- und herzugehen beginne, ist es an der Zeit, hinaus an die frische Luft zu gehen. Das Meer konnte meine Unrast noch immer am besten besänftigen. Die kraftvoll ans Ufer rollenden Wellen vermitteln mir ein Gefühl der Beständigkeit, während sich sonst alles fortwährend zu verändern scheint. Die Tage sind kurz geworden. Wenn ich aufwache, ist noch dunkle Nacht, und früh schon setzt die Dämmerung wieder ein. Die Farben sind verblasst, so als läge ständig ein zarter Schleier über allem. Immer seltener sehe ich Menschen am Strand. Nur wenige Tage später bedecken dicke Wolken den sonst so blauen Himmel. Ein scharfer Wind saust das Ufer entlang. Die Wellen türmen sich zu Gebirgen auf und peitschen mit Wucht gegen das Ufer. Der Indian Summer ist endgültig vorbei. Von Grace weiß ich, dass ab Mitte November mit Schnee zu rechnen ist. Schlagartig wird mir bewusst, ich muss schnellstens Vorräte einkaufen. Grace hatte mir von Wintern erzählt, in denen man für Tage im Haus eingeschneit war und alle Straßen unpassierbar wurden. Meine Einkaufsliste ist lang. Neben den üblichen Lebensmittelvorräten decke ich mich mit vielen Konserven ein. Außerdem kaufe ich jede Menge Katzenfutter, mehrere Pakete Kaffee und Tee, Streichhölzer und Kerzen. Aus dem Schreibwarenladen besorge ich mir Papier für den Drucker und aus der Buchhandlung Lesestoff: drei Romane – zwei Neuerscheinungen und ein Klassiker, ein 800 Seiten starker Wälzer, den ich schon seit langem lesen will. Der Wagen ist übervoll. Physisch zumindest bin ich für einen längeren Schneesturm bestens gerüstet. Als ich danach in den Pub komme, sieht mir Grace erwartungsvoll entgegen. »Und, hast du Besuch bekommen?« »Nein, wie kommst du darauf?« »Oh, hier hat vor einigen Tagen jemand angerufen und sich nach dir erkundigt.« »Wer?« frage ich überrascht und denke sofort an Robert. »Ich weiß nicht, Harry war am Telefon. – Harry! Weißt du, wer das war, der sich nach Karen erkundigt hat?« ruft Grace. Der freundliche, aber etwas wortkarge Koch kommt aus der Küche und trocknet sich verlegen die Hände an der Schürze ab. »Harry, was wollte der Anrufer, der sich nach Karen erkundigt hat?« »Es war ein Mann. Er hat sich nach dem Weg zu dem Haus erkundigt, wo die junge Journalistin wohnt. Sonst weiß ich nichts.« »Hat er seinen Namen genannt, und hast du ihm den Weg erklärt?« mische ich mich aufgeregt ein. »An einen Namen kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich habe versucht, ihm den Weg zu erklären. Aber ich habe ihm auch gesagt, dass es sehr schwierig zu finden ist. Ich habe ihm geraten, sich besser hier zu melden. Hätte ich das nicht tun dürfen?« fragt er verunsichert. »Nein, nein, ist schon okay«, beruhige ich ihn. Robert, das kann nur Robert gewesen sein, denke ich. »Hast du eine Vorstellung, wer das sein könnte?« will Grace wissen. »Erwartest du jemanden?« »Nein, keine Ahnung.« Ich verschweige Robert, obwohl ich mir ganz sicher bin.
Fortsetzung folgt ...
17
Nachdem ich angezogen bin, lege ich etwas Farbe auf, dann gehen wir in die Stadt, um irgendwo etwas zu essen. Die Luft ist frisch, und die freundlich goldene Herbstsonne hat viele Menschen nach draußen gelockt. Alle scheinen gut gelaunt. Wir bummeln durch den Public Garden und den Common Richtung Innenstadt. Die Fenster der Geschäfte sind passend zu Halloween mit Geistern, Skeletten, Hexenmasken und Kürbisgesichtern dekoriert. Am Quincy Market kommen uns Masken entgegen. Vermutlich waren sie bei einer der zahlreichen Paraden. Die meist gruseligen, manchmal todernsten Gesichter stehen in großem Gegensatz zu den fröhlichen Tänzen. Ein Clown torkelt grinsend auf mich zu, als wolle er mich verhöhnen. Er hakt sich bei mir ein und zieht mich einige Meter mit. Das Treiben wird dichter, wir flüchten ins Margaritta. Hat Dan es mit Absicht ausgewählt? Hier hatte alles begonnen. Ist das der Abschluss? Hofft er, dass es einen Neubeginn für uns geben wird? Wir bemühen uns, über belanglose Dinge zu reden. Unsere Gesten und Blicke sind unbeholfen und bleiben meist irgendwo in der Luft hängen. Es ist anstrengend, aber noch gefährlicher scheint es zu schweigen. Am Abend ist Dan merkwürdig ruhig. Wenn ich ihn anspreche, antwortet er freundlich, doch er bemüht sich nicht sonderlich um ein Gespräch. Scheinbar interessiert sieht er auf den Fernsehschirm. Bald sage auch ich nichts mehr. Schmerzhaft breitet sich wieder die schon vertraute Wehmut und Trauer in meinem Körper aus. Ein Klingeln schrillt in die dumpfe Stille hinein. Rita ist am Telefon und will sich von mir verabschieden. Diesmal scheint sogar sie die bedrohliche Stimmung durchs Telefon zu spüren. »Ist alles okay bei euch?« fragt sie. »Ja, ja, ich bin nur sehr müde«, wimmle ich sie ab. »Ja, ich melde mich.« Von Robert sagt sie kein Wort. Ich gehe ins Bad, schlucke zwei Schlaftabletten und schminke mich ab. Bevor ich ins Bett gehe, lege ich kurz meine Hand auf Dans Schulter und wünsche ihm eine gute Nacht. Er wendet sich mir zu, sieht mich nachdenklich an, sagt »Schlaf gut«, ohne mich dabei zu berühren. Im Bett ziehe ich mir die Decke über den Kopf und weine mich in den Schlaf. Der Abschied am nächsten Morgen ist kurz. Dan lässt mich nach einer flüchtigen Umarmung ohne irgendwelche Vorwürfe gehen. Ich bin ihm dankbar dafür. Aufatmend verlasse ich die tobende Stadt und bin froh, als ich den Highway erreiche. »Leo, wir fahren heim.« Mein zutiefst beleidigter Kater antwortet mir nicht. Als ich vor dem verwitterten Häuschen ankomme, habe ich das Gefühl, mehrere Wochen fort gewesen zu sein. Sogar Leo schnurrt begeistert. Wird er sich jemals wieder woanders eingewöhnen? Hocherfreut über die wieder gewonnene Freiheit verschwindet er im Piniengestrüpp hinter dem Haus. Für Leo ist die Welt nun in Ordnung. Für mich ist das nicht so einfach. Das Wochenende in Boston hat mich verwirrt. Die Illusion, eine vorübergehende Trennung von Dan würde unsere Beziehung verbessern, hat sich in Luft aufgelöst. Der Bruch zwischen ihm und mir ist tiefer, als ich es jemals für möglich gehalten hätte. Die Trennung ist endgültig. Plötzlich wird mir klar, dass genau diese Entscheidung in den letzten Tagen gefallen ist. Diese plötzliche Erkenntnis der Endgültigkeit nimmt mir fast den Atem. Ob Dan das auch mit dieser Klarheit weiß? Wie soll ich ihm das beibringen? Panik überfällt mich. Die Zukunft ist ein schwarzes Loch, das mich zu verschlingen droht. Am nächsten Tag fahre ich nach Bath. Ich habe Sehnsucht nach Grace. Im Vergleich zur Einsamkeit bei meinem Strandhaus ist in Bath viel los, gegenüber Boston allerdings ist es gemächlich und überschaubar. Nach meinem routinemäßigen Einkauf betrete ich den Intown Pub, und es kommt mir vor, als wäre ich von einer längeren Reise nach Hause zurückgekehrt. Das holzgetäfelte, gemütliche Restaurant scheint inzwischen das einzig Konstante in meinem Leben zu sein. Wie schön ist es, Grace wie immer hinter der Theke hantieren zu sehen. »Karen!« Erfreut kommt sie mir entgegen und umarmt mich herzlich. Dann rückt sie etwas von mir ab und betrachtet mich prüfend. »Wie war es in Boston? Hey, du siehst nicht gerade glückstrahlend aus. Wie ist es gelaufen?« Mir steigen Tränen in die Augen. »Oh Grace, es war schrecklich. Ich fühle mich schlecht, schlechter als davor, schlechter als zuvor«, und schon fließen die Tränen. »Komm, setz dich erst einmal hin, ich hole uns Kaffee. Oder brauchst du was Stärkeres?« »Nein, Kaffee ist gut«, lächle ich gequält. Sie füllt zwei große Tassen und setzt sich mir gegenüber. »Jetzt erzähl, was war denn so schrecklich?« »Ach, schrecklich ist eigentlich nicht das richtige Wort. Nein, das Wochenende war nicht schrecklich. Schrecklich ist nur, dass ich nichts klären konnte.« »Konntet ihr nicht miteinander reden?« »Ach Grace, Dan ist entweder furchtbar ahnungslos, oder er will es nicht wahrhaben. Ja, das ist es wahrscheinlich. Er will es nicht wissen. Er fragt nicht, was ich denke, nicht, was mich beschäftigt, nicht, wie ich hier lebe, wie mein Tagesablauf ist, was mein Buch macht. Nichts, nichts, nichts! Ich hätte abgenommen, das war alles, was er festgestellt hat.« »Hat ihm das wenigstens gefallen?« »Es hat sich nicht so angehört. Eher so, als ginge es mir schlecht, wenn er sich nicht um mich kümmert.« »Aha, er glaubt also, dass du nicht selbst für dich sorgen kannst. Der kennt dich aber schlecht.« »Das ist eben Dans Art, mir seine Liebe zu zeigen. Und alle haben sich wirklich sehr viel Mühe gegeben. Es war einfach umwerfend«, schluchze ich heraus. Als ich wieder reden kann, schildere ich ihr den ganzen Ablauf, angefangen von der verkrampften Begrüßung, von den Rosen, der teuren Kette, über das liebevoll von Dan und Rita geplante und gekochte Essen bis zu Dans Fürsorge allgemein. »Grace, du hast Recht, er behandelt mich wie ein Kind. Und diesmal empfand ich es besonders schlimm. Jede Minute des Tages war verplant. Ich war eine Marionette, an deren Fäden jeder nach Belieben zieht. Trotzdem habe ich es nicht fertig gebracht, mich darüber zu beschweren. Es war ja auch rührend und bestimmt gut gemeint. Außerdem fühle ich mich mitschuldig daran, dass Dan so unglücklich ist.« Am Schluss weiß Grace alles, nur das von Robert nicht. Irgendetwas lässt mich dieses Geheimnis verbergen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Grace das verstehen würde. Die gute, praktische, unsentimentale Grace. Ich habe Angst davor, sie könnte mich dafür verurteilen. Hingegen kann ich mir gut vorstellen, wie sie es energisch mit der Hand wegwischt und sagt: »Mädchen, lade dir nicht noch ein weiteres Problem auf.« Und: »Männer bedeuten immer Probleme.« Das hatte sie ganz am Anfang einmal zu mir gesagt. Fortsetzung folgt ...
16
Ich halte es nicht mehr aus im Bett und schleiche aus dem Zimmer. Leo kommt mir hocherfreut entgegen. Ich schütte ihm etwas Sahne in seine Schale und setze mich im Wohnzimmer auf die Couch. In welche neue, zusätzliche Verwirrung stürze ich mich gerade? Ich hatte Dan verlassen und dabei von Freiheit und Unabhängigkeit geredet, von Selbstverwirklichung durch das Schreiben meines Buches. Nun bin ich dabei, mich in einen Mann zu verlieben, gegen den jede Vernunft spricht. Oder liebe ich ihn schon lange? Ich bin entsetzt und aufgewühlt. Im Badezimmerschrank suche ich nach einer Schlaftablette und spüle sie mit einem großen Schluck Wasser hinunter. Ich möchte vergessen, nicht mehr denken müssen. Ich schalte den Fernseher ein. Bilder flimmern vor mir. Ich kann mich kaum darauf konzentrieren, doch sie lenken mich ab. Leo kuschelt sich schnurrend an mich. Ich warte, bis die Tablette meine Glieder schwer werden lässt, dann taumle ich ins Bett. Wie spät ist es? Langsam dringen Geräusche durch die Tablettenwand. Der Alkohol vom Abend macht sich durch leichte Kopfschmerzen bemerkbar. Das Erwachen ist unangenehm. Motorengeräusche und Hupen dringen an mein Ohr. Mir fehlen das vertraute Rauschen der Wellen und die Schreie der Möwen. Erst langsam begreife ich, wo ich bin. Das Bett neben mir ist leer. Kaffeeduft. Trotzdem drehe ich mich noch einmal um. Was war das nur für ein ungewöhnlicher Traum? Ich versuche, mich an die Bilder zu erinnern: Ich war in einem großen Palast und ging eine breite Treppe hinauf. Eigentlich war es überhaupt kein richtiges Gebäude. Wände und Dach bestanden aus filigranen Metallstäben. Genau besehen, ähnelte es einem riesengroßen Käfig. Ich bewegte mich staunend durch die luftige Halle. Vögel schwirrten herum, und plötzlich war alles voll weißer, tanzender Schneeflocken. Sie waren nicht kalt, und verwundert stellte ich fest, es waren weiße Blütenblätter, die durch die Luft wirbelten. Die Gitterstäbe waren an vielen Stellen angerostet, teilweise ausgebrochen, Gräser und Blumen wuchsen überall durch. Ich verließ das Haus, das dabei war, sich aufzulösen. Es war ein schöner Traum. Das Haus, die Sonne, das transparente Gebilde, die frei durch die Luft segelnden Vögel und der Schnee, der zu Blütenblättern wurde. Doch ich war allein, und das bedrückt mich. Robert! Wie nahe liegend wäre es gewesen, ihm im Traum zu begegnen. Wie hätte ich mir einen Hinweis, einen positiven Blick in die Zukunft gewünscht. Stattdessen war da nur diese Leere und Einsamkeit. Das Haus, in dem ich eingeschlafen bin, hat sich nicht aufgelöst. Fest und unerbittlich umschließt es mich. Ich möchte unter die Bettdecke schlüpfen und in Maine wieder aufwachen. Ich weiß, das wird nicht passieren, daher entschließe ich mich, das Aufstehen und die Begegnung mit Dan nicht länger hinauszuzögern. Es ist bereits elf Uhr. Vielleicht können wir ja heute miteinander reden. Dan ist in der Küche. Er hat aufgeräumt und Frühstück gemacht. Er wendet sich mir freundlich zu, als wäre nichts geschehen. Dabei sieht er elend aus. Anstelle des Selbstmitleids fühle ich brennende Schuldgefühle. Leo ist total verstört. Dan will ihn hinaus lassen. Ich wehre entsetzt ab: »Der läuft in seiner Panik vor das nächste Auto.« Erstaunlicherweise lässt Leo sich von mir auf den Arm nehmen. Dan beobachtet mich, dann spricht er mich an: »Verzeih mir Liebling, wenn ich dich gestern so überfahren habe. Es war ein Fehler, ich weiß«, während seine Arme dabei hilflos an ihm herunterhängen sind seine Augen eine einzige flehende Umarmung. »Nimm das Geschenk an. Nimm mir nicht jede Hoffnung, dass alles wieder gut wird.« Seine Zerknirschtheit raubt mir jeden Mut zu einem offenen Gespräch. Was soll ich ihm denn sagen? Dan, ich liebe dich nicht mehr, ich habe mich in den Freund meiner Freundin verliebt? Robert ist zwar nicht bindungsfähig und vermutlich auch nicht treu, trotzdem wünsche ich mir seine Zärtlichkeiten, während ich deine nicht mehr ertragen kann. Ich kann nicht mehr mit dir leben, ich kann dich nicht heiraten und Hausfrau und Mutter deiner Kinder werden. Im Moment weiß ich überhaupt nicht mehr, was ich will. Ich sage nichts von alledem, sondern nehme die Tasse Kaffee, die er mir reicht, gehe damit ins Bad, schlucke ein Aspirin gegen die Kopfschmerzen und stelle mich unter die Dusche. Während das Wasser auf mich niederprasselt, denke ich an meine Heimfahrt. Morgen um diese Zeit bin ich schon unterwegs. Merkwürdig, nach nur zwei Monaten nenne ich es schon Heimfahrt. Ich rieche plötzlich das sonnenwarme Holz des Hauses und das Meer. Ich wünsche mir dort zu sein. Mir fehlt Grace. Ich sehe ihr herbes Gesicht vor mir und höre ihre ruhige und besonnene Stimme. Ja, Grace wird mir helfen, meine Gefühle zu ordnen. Der Gedanke an sie beruhigt mich. Fortsetzung folgt ...
15
»Karen, das Essen ist fertig«, höre ich Dans Stimme. »Ich komme gleich.« Hastig pudere ich mir Nase und Wangen und ziehe die Lippen nach. Als wäre sie die Gastgeberin, hat Rita mit Dan den Tisch gedeckt. Dieses Bündnis versetzt mich in Erstaunen. Wenn ich daran denke, wie Dan früher oft über Rita gesprochen hat. Plötzlich habe ich einen verrückten Gedanken: Warum sind sie nicht ein Paar? Sie möchten beide heiraten, und Robert und ich wären dann frei. Ich erschrecke. Ja, will ich denn das? Wie komme ich darauf, dass Robert das will? Ja, was will er überhaupt? Ich blicke kurz zu ihm. Er sitzt mir am Esstisch gegenüber. Wieder begegnen sich unsere Blicke. Schnell sehe ich zu Rita und Dan, sie scheinen nichts zu merken. Zu sehr sind sie mit der Präsentation ihres Menüs beschäftigt. Nach einer raffinierten Mischung aus Blattsalaten mit Krabben und einer Kräutermarinade folgen zarte Kalbsschnitzel mit Blattspinat, Parmesan und Tagliatelle. Dazu gibt es einen leichten Weißwein. Das Essen schmeckt köstlich, doch mein Appetit ist nicht sehr groß. Über dem Raum liegt eine bittersüße, knisternde Spannung und gleichzeitig ein dunkler, samtener Schmerz. Etwas Neues, Überwältigendes, noch nicht Fassbares ist im Raum. Und ich fühle, etwas, was lange Zeit ein wichtiger Teil meines Lebens war, ist nun vorbei, unwiederbringlich vorbei. Wehmut und Trauer überschatten meine Stimmung. Niemals zuvor habe ich Abschiedsschmerz und erwartungsvolles Prickeln so nah beieinander erlebt. Ich trinke etwas zu viel und zu schnell, und irgendwann benehmen sich Rita und ich wie die jungen gackernden Nachwuchsjournalistinnen der Salem Post. Ich genieße diesen Zustand beschwipster Leichtigkeit, und auch Dan scheint diesen Umschwung positiv zu bewerten. Er lächelt väterlich nachsichtig, Robert beobachtet uns nachdenklich. Irgendwann drängt Robert zum Aufbruch. Plötzlich fühle ich mich erschöpft. Und ich habe Angst, mit Dan allein zu bleiben. Nicht zu Unrecht. Kaum hat sich die Tür hinter den beiden geschlossen, nähert er sich mir, und ich weiß trotz des Alkohols, der mich benebelt, ganz genau, was er will. Ängstlich weiche ich einige Schritte vor ihm zurück und sehe ihn unsicher an. Er registriert es. Betont kameradschaftlich legt er mir seinen Arm um die Schulter. »Noch ein Glas, Liebling?« Ich nicke, froh um jeden Aufschub. Wenn wir noch etwas trinken, wird er vielleicht auch müde und schläft bald ein. Also trinken wir weitere Gläser. Ich lobe sein Essen. Er macht mir Komplimente über mein Aussehen. »Du kommst ja neuerdings phantastisch mit Rita aus«, stelle ich fest. »Wer interessiert sich jetzt für Rita?« sagt er. »Ich hatte immer das Gefühl, du magst sie nicht besonders. Heute sah es aus, als wärt ihr die besten Freunde.« »Küss mich.« Er ist nah an mich herangerückt, sein Mund flüstert in mein Ohr, dann liebkost er mich mit der Zunge. Sein heißer Atem nähert sich meinem Gesicht. Ich gebe ihm meinen Mund, will ihn mit meinen Küssen besänftigen, danach mit ihm reden. Gierig stürzt er sich auf meine Lippen. Er darf mich nicht mehr so bevormunden, denke ich noch. Seine Zunge ist tief in meinem Mund, seine Hände halten meinen Kopf fest, so dass ich nicht ausweichen kann. Hoffentlich ... Sein ganzer Körper ist über mir, hält mich mit Armen und Beinen fest umklammert, stößt Worte und Seufzer aus zwischen den Küssen, Laute, die ich nicht verstehe. Kissen rascheln neben meinem Ohr. Irgendwo reißt Stoff. Seine Finger sind überall, er zerrt an mir, seine Hände sind zwischen meinen Schenkeln. Ich bäume mich auf. Auf einmal sehe ich schwarze Augen. Ich spüre andere Lippen auf meinem Mund. Sie brennen ... »Nein!« schreie ich. Mit aller Kraft, die mir zur Verfügung steht, stoße ich ihn von mir. »Ich will es nicht, ich will es nicht, merkst du das denn nicht!« Ich schreie ihn an wie nie zuvor. Dan sieht mich entgeistert an. An seinem Hals beginnt es zu pochen. Sein Gesicht rötet sich. Ich bin ganz still, beobachte das fremde Gesicht vor mir. »Was ist mit dir los, Karen? Was? Hast du einen anderen? Los, gib es zu! Gibt es da jemanden in deinem Strandhaus? Oder gibt es vielleicht gar kein Strandhaus, sondern nur einen anderen Mann? Ist er besser als ich?« Seine Stimme überschlägt sich fast. »Hat er dir mehr zu bieten?« »Nein! Du tust zu viel für mich. Du machst mich krank, und jetzt auch noch diese Kette.« Ich löse sie mit zitternden Fingern und werfe sie vor ihn hin. Dan erstarrt, er stürzt ein weiteres Glas Wein hinunter, nimmt die Kette vorsichtig auf, legt sie auf den Tisch und geht zur Tür. »Du sollst mir zuhören! Wir müssen reden!« rufe ich ihm nach. »Nicht heute, Karen, nicht heute, ich will keinen Streit, nicht in den wenigen Stunden, die wir zusammen sind.« »Du willst nie!« Doch da ist er schon im Badezimmer verschwunden. Ich sitze in dem vollkommen stillen Raum, fühle mich trotz des Alkohols wieder nüchtern und hellwach. Unwillkürlich fange ich an, Geschirr und Gläser in die Küche zu tragen. Kurz darauf steht Dan in der Tür. »Lass ruhig alles liegen, ich mache das morgen.« »Ich kann jetzt nicht schlafen.« Er geht wieder. Ich bewege mich nur langsam, lasse mir viel Zeit, trage jedes Stück einzeln in die Küche und räume es in die Spülmaschine. Ich hoffe, dass Dan ins Bett geht und gleich schläft. Als ich nichts mehr höre, gehe auch ich ins Bad. Als ich mich ohne das Licht einzuschalten in das Bett neben ihn lege, verraten mir Dans gleichmäßiger Atem und das leise Schnarchen, dass er wirklich schläft. Sehnsüchtig hoffe ich ebenfalls auf baldigen Schlaf. Aber der will sich nicht einstellen. Immer wieder drängt sich ein Gesicht in meine Erinnerung, ein Gesicht mit dunkelbraunen Augen. »Ich liebe dich«, flüstert mir eine zärtliche Stimme ins Ohr. Nein, das stimmt nicht, das hat er gar nicht gesagt. Ich verstehe dich, ich verstehe dich gut, hatte er gesagt, und dann hatte er mich geküsst. Aber bedeutet das nicht das Gleiche? Wieder und wieder spüre ich seinen Kuss. Ich stelle mir vor, dass mich seine langen, schmalen Hände berühren. Ich sehne mich danach, nach ihm, nach seiner Zärtlichkeit. Es ist so lange her, dass ich eine leidenschaftliche Umarmung genoss. Genau genommen kann ich mich nicht einmal mehr daran erinnern. Auf einmal schrecke ich hoch. Rita ist meine Freundin. Was habe ich getan? Auch wenn unsere Freundschaft längst nicht mehr so intensiv ist wie früher, so ist eine Liebe zwischen Robert und mir vollkommen unmöglich. Ich selbst hatte Rita von ihm abgeraten, als sie sich über seine vielen Reisen, seine häufige Abwesenheit beklagte. »Er ist kein Mann für eine feste Beziehung. Er wird dir niemals allein gehören. Er ist kein Mann, mit dem man eine Familie gründet.« Wie altklug, wie abscheulich vernünftig hatte ich auf sie eingeredet. Und nun will ich genau diesen Mann für mich selbst.
Fortsetzung folgt ...
14
»Im Moment beschäftigt mich hauptsächlich mein Buch.« »Aber im Frühjahr, Karen, was wirst du dann tun?« Zum Glück kommen Rita und Dan aus der Küche mit einem Tablett voll sorgfältig dekorierter Vorspeisen. Das enthebt mich einer Antwort. Dan öffnet eine Flasche Weißwein und schenkt ein. Wir stoßen an. Ein harmloses Gespräch entwickelt sich. Belanglosigkeiten. Ich kann mich kaum darauf konzentrieren. Mir geht durch den Kopf, was Robert gesagt hat. Könnte es sein, könnte es vielleicht doch sein? Verstohlen blicke ich zu ihm hinüber. Unsere Blicke begegnen sich, verhaken sich, halten sich fest, und auf einmal weiß ich, es ist passiert. Rita hat eben etwas gesagt. Was? Hilfe, wo bin ich? Ich greife hastig zum Glas. Robert rettet mich. »Auf dich Karen, auf dein Buch und deinen Erfolg.« »Ja, was macht dein Buch eigentlich, bist du weiter gekommen?« will Rita nun wissen. Sie scheint nicht zu spüren, wie unangenehm Dan dieses Thema ist. »Doch, es klappt ganz gut«, antworte ich und finde auf, dass Rita der Shirley in meinem Buch nicht wirklich ähnlich ist. Diese Erkenntnis beruhigt mich. Dan gefällt die neue Richtung des Gesprächs überhaupt nicht, das ist deutlich zu spüren. »Apropos Essen, ich kümmere mich mal darum«, lenkt er ab. »Soll ich dir helfen?« Rita ist sofort startbereit. »Momentan noch nicht, später vielleicht.« Die Leichtigkeit des Gesprächs hat sich verflüchtigt. »Dan akzeptiert es immer noch nicht«, stelle ich fest. »Aber Karen, das ist doch klar! Er will dich natürlich bei sich haben. Ich glaube, er ist entsetzlich einsam. Hast du denn noch nicht genug von deinem Leben in der Wildnis?« Rita wirkt ungewöhnlich engagiert. »Rita, du weißt, dass ich Clifford zugesagt habe, das Haus den ganzen Winter über zu bewohnen.« »Ja, aber das heißt doch nicht, dass du nun wirklich so lange bleiben musst. Und außerdem haben wir erwartet, dass du regelmäßig nach Boston kommst. Jetzt bist du noch seltener zu Hause als zu der Zeit, als du für Globus unterwegs warst. Ich finde es sehr verständlich, dass es Dan irritiert.« »Also Rita, Karen weiß wirklich selbst, was sie tut«, geht Robert dazwischen. »So kannst nur du reden. Du weißt nicht, was das für denjenigen bedeutet, der zu Hause wartet. Dan leidet darunter, und ich kann ihn verstehen.« »Es gibt eben Menschen, die sind für ein gleichförmiges Leben nicht geeignet. Ich glaube, dieser Aufenthalt in Maine ist wichtig für Karen.« »Man darf nicht nur an sich selbst denken, wenn man in einer Beziehung lebt. Sie gefährdet ihre Beziehung. Dan muss ja glauben, dass sie ihn nicht mehr liebt.« »Und wenn, Rita? Es ist ihre Angelegenheit.« »Robert, wie kannst du so reden, du weißt, wie unerträglich diese Situation für Dan ist.« »Du kannst ihn ja trösten«, unterbricht Robert ihren Eifer. Rita will etwas erwidern, doch dann steht sie brüsk auf und rauscht Richtung Küche davon. »Entschuldige Karen, in Momenten wie diesen kann ich gut verstehen, dass du geflüchtet bist«, sagt Robert. »Ich bin nicht geflüchtet, ich bin weggegangen, um in Ruhe arbeiten zu können.« »Komm, mir brauchst du nichts vorzumachen.« »Jetzt fang du nicht auch noch an. Lasst mich einfach in Ruhe. Ich will nicht darüber reden.« Tränen schießen mir in die Augen. Da steht Robert unvermittelt auf und kommt zu mir. Er setzt sich neben mich, legt seinen Arm um meine Schulter und dreht mit der anderen Hand behutsam mein Gesicht zu sich. »Ich versteh' dich doch, merkst du das nicht? Und wie ich dich verstehe.« Sein Blick ist ungewöhnlich ernst. Seine Worte zerschmelzen etwas in mir. Jeder Widerstand löst sich auf. Robert wischt eine Träne aus meinem Augenwinkel, gerade als sie sich zu lösen beginnt. Verwundert lasse ich die zarte Berührung geschehen. Und noch während er über meine Wange streichelt, nähern sich seine Augen, seine Lippen legen sich auf meinen Mund. Dann löscht sein Kuss jede Wahrnehmung aus. Ich weiß nur, ich will es, und zwar seit unendlich langer Zeit. Ritas energische Schritte, die aus Richtung Küche herüber hallen, rufen mich in die Gegenwart zurück. Robert drückt mich kurz und geht ohne Eile an seinen Platz zurück. Ich stehe hastig auf und verschwinde ins Bad. Mit glühendem Gesicht und Herzklopfen starre ich in den Spiegel. Es ist wahr, es ist wahr, es ist wahr, pocht es in mir. Die Verwirrung ist komplett. Um die Schminke in meinem Gesicht nicht zu zerstören, halte ich beide Unterarme unter eiskaltes Wasser und kühle mich ab. Auf meinem Mund spüre ich Roberts Kuss.
Fortsetzung folgt ...
13
Dan hat inzwischen den Esstisch gedeckt. Neben dem schlichten, weißen Kaffeegeschirr steht ein riesengroßes Bukett dunkelroter Rosen. Dan kommt mit einem gefüllten Champagnerglas auf mich zu. »Oh, Dan ...« »Willkommen Liebling.« Dan reicht mir das Glas und fixiert mich mit seinem Blick. Er hat sich offensichtlich beruhigt, fühlt sich wieder sicherer. Die Hektik ist von ihm gewichen. Nun steuert er mich zum Tisch. An meinem Platz liegt ein flacher, quadratischer Karton, kunstvoll verpackt. »Was ist das? Ich hab' nicht Geburtstag – ist sonst etwas?« »Braucht man für ein Geschenk immer einen Grund?« Unter seinem erwartungsvollen Blick löse ich die Verpackung. Meine Ahnung bestätigt sich. Unter dem Papier kommt die aufwendig gestaltete, mit filigranen Goldbuchstaben versehene Kunststoffkassette des exklusiven Juweliers Pollack & Sons hervor. Als ich sie öffne, stockt mir fast der Atem. Ein Weißgoldkollier mit einem in Brillanten gefassten Aquamarinherz glitzert vor mir. Dan legt mir die Kette um den Hals. Es ist mir unangenehm. Sie ist zwar wunderschön, aber ein so teures Geschenk belastet mich. Ich empfinde es wie eine Fessel – oder Bestechungsgeld. Das Gespräch ist plötzlich in einer Sackgasse, wir wissen nicht mehr, was wir reden sollen. Worüber haben wir früher geredet? Meine Arbeit, seine Arbeit, meine Eltern, Essen, Ausgehen? Dan möchte die vergangenen zwei Monate ignorieren, für mich sind sie realer als dieses Haus und unsere Beziehung. »Bei Rita scheint es diesmal zu klappen«, beginnt er plötzlich ein, wie ihm vermutlich scheint, unverfängliches Thema. »Was?« Ich habe nicht genau verstanden, was er meint. »Rita und Robert, sie sind immer noch zusammen. Wer hätte das für möglich gehalten, dass es ausgerechnet diesmal klappt. Ich meine, Robert und sie sind doch sehr unterschiedlich.« »Ja, das stimmt.« In Gedanken sehe ich die zwei vor mir: Robert groß und immer etwas geheimnisvoll, Rita zierlich und mit dem Herzen auf der Zunge. »Rita freut sich sehr auf dich. Sie hat sogar das Essen mit mir gemeinsam geplant und steuert etwas dazu bei.« Ich bin erstaunt. »Was habt ihr denn geplant? Das hört sich ja spannend an.« »Italienisch, aber mehr wird nicht verraten. Auf jeden Fall nicht das Übliche.« Wie auf ein Zeichen schrillt plötzlich das Telefon. Der grelle, für mich inzwischen ungewohnte Ton erschreckt mich. Es ist Rita. Sie will wissen, ob ich da bin. »Ja, sie ist seit eineinhalb Stunden da. Nein, ich habe nichts verraten .... Ich glaube schon ... Ja, es steht ihr gut ...«, lächelnd ruht Dans Blick auf mir. Was ist denn das? Rita und Dan haben sich zwar gegenseitig akzeptiert, waren aber nicht gerade Freunde. Inzwischen scheinen sie sich richtig gut zu verstehen. »Na klar, frag sie doch selbst, sie sitzt neben mir.« »Hallo Rita.« »Karen, schön, dass du da bist. Wie fühlst du dich, wieder zurück in der Zivilisation? Dan und natürlich auch wir haben uns so gefreut, dass du kommst. Wie gefällt dir dein Geschenk?« Rita fragt atemlos und ohne Pause, sie erwartet offensichtlich keine Antwort. »Okay, also bis gegen acht Uhr.« »Du meine Güte, Rita ist ja noch hektischer als früher.« »Findest du? Ach, das kommt dir nur so vor, weil du lange nicht mehr mit ihr geredet hast«, gibt Dan zu bedenken. Leo wagt sich vorsichtig in Richtung Futterschüssel. Er blinzelt uns verunsichert an. Schweigend beobachten wir sein ungewöhnliches Verhalten. In permanenter Anspannung verschlingt er sein Futter. Bei jedem Geräusch zuckt er zusammen. »Der ist aber seltsam geworden.« »Die Umgebung ist ihm eben fremd, er kann sich vielleicht nicht mehr daran erinnern«, versuche ich meinen Freund auf vier Pfoten zu verteidigen. Dan geht auf ihn zu und will ihn streicheln, doch Leo flitzt in sein sicheres Versteck. Ich denke an mein kleines, sonnendurchflutetes Strandhaus, an die tagsüber nur angelehnte Tür, die Leo leicht aufdrücken kann und durch die er nach Lust und Laune in sein Jagdrevier verschwindet. Die massiven Wände hier in Boston kommen mir wie eine Festung vor, ein Bunker, der Licht, Luft und Sonne aussperrt. Nein, Leo wird sich nie mehr an dieses Haus gewöhnen, und ich vermute, bei mir wird das nicht anders sein. Ich stehe vom Tisch auf und gehe zur Sitzgruppe. »Leo komm zu mir«, versuche ich das verschreckte Tier hervorzulocken. »Lass ihn doch.« Dan ist mir gefolgt. Er schlingt die Arme von hinten um mich und versucht, mich auf den Sessel zu ziehen. »Lass doch jetzt den Kater«, flüstert er mir heiser ins Ohr. Schon drücken sich seine Lippen heiß auf meine Wange und meinen Mund. Der unerwartete Überfall löst Angst und heftiges Herzklopfen in mir aus. Ich empfinde Dan wie einen Fremden. »Dan, bitte, ich bekomme keine Luft mehr.« »Ich liebe dich, Karen, ich liebe dich.« Mir schießen Tränen in die Augen. Was hatte ich erwartet? Hatte ich wirklich geglaubt, er würde mir nur gegenüber sitzen, mit mir reden und Kaffee trinken? Und dann die Nacht? Am liebsten würde ich flüchten. Wie Leo möchte ich mich in eine Ecke verkriechen. Für einen Moment erwäge ich, es einfach über mich ergehen zu lassen, um Diskussionen zu vermeiden. Ein Gefühl der Lähmung kriecht über meine Beine. Ich richte mich auf und reisse mich los. Wenn ich jetzt nachgebe, gebe ich alles auf, dann kann ich mich nie mehr gegen etwas wehren. Schwer atmend ist Dan von mir abgerückt. »Dan, ich bin noch gar nicht richtig angekommen, gib mir Zeit.« »Ich gebe dir alle Zeit der Welt.« Er steht auf, geht zum Tisch und schüttet ein volles Glas Champagner in sich hinein. Er sieht mich an und fragt: »Du auch?« »Ja.« Ich will ihm keinen weiteren Korb geben. Auch er schenkt sich noch einmal ein, stößt mit mir an, während er mir tief und forschend in die Augen sieht. »Auf die Zukunft, Karen!« Ich nicke nur. Dan verschwindet in die Küche, um das Essen vorzubereiten. Nein, er möchte mich nicht dabei haben. »Akklimatisier dich inzwischen«, rät er mir, als ich ihm hilflos nachblicke. Ich versuche noch einmal, Leo aus seinem Versteck zu locken. Wie gern hätte ich ihn an mich gedrückt und mein Gesicht in sein Fell gegraben. Er lässt sich zu nichts bewegen. Ich beschließe, mein Unbehagen unter der Dusche abzuspülen. Danach werde ich mich am besten noch einmal umziehen. Ich stehe eine kleine Ewigkeit unter der Dusche. Das heiße Wasser beruhigt mich, und das Rauschen schirmt mich von allem ab. Ich widme mich intensiv meinem Körper, lasse mir viel Zeit. Ausgiebig rubble ich mein Gesicht, bis es prickelt. Ich creme mich ein, putze mir lang und gründlich die Zähne, föne das Haar. Wieder stehe ich unentschlossen vor dem Kleiderschrank. Es dauert lange, bis ich mich für ein kurzes, graues Etuikleid entscheide. Sogar Makeup lege ich auf, das erste Mal seit Monaten, und ich benutze eines der vielen Parfums. Jetzt geht es mir besser. Beim Blick in den Spiegel bin ich mir selbst zwar etwas fremd, aber ich fühle mich für den Abend gewappnet. Dan ist begeistert. Er sagt es, und ich sehe es an seinen Augen. Schnell holt er das Weißgoldkollier und legt es mir um. Wunderschön sieht es aus, und trotzdem hätte ich es lieber nicht getragen. Ich fühle mich im wahrsten Sinne des Wortes an die Kette gelegt. Es klingelt, unser Besuch ist da. Rita, überschwänglich fröhlich, füllt geräuschvoll den Raum. Welch eine Wohltat nach dem stockend verlaufenden Gespräch zwischen Dan und mir. Nun ist es ein kleines bisschen wie früher. Robert mustert mich lächelnd. Rita tätschelt Dan ungewohnt kumpelhaft den Arm und verschwindet mit ihm und zwei Schüsseln in die Küche. Ich stehe mit Robert allein im Wohnzimmer. Verdammt, ist dieser Mann attraktiv. »Karen, du siehst blendend aus. Hast du in Maine eigentlich gearbeitet? Du siehst aus, als kämst du aus dem Urlaub.« »Ich arbeite durchaus, und es geht mir gut dabei.« »Ja, Maine ist herrlich, besonders um diese Jahreszeit. Ich habe schon Aufnahmen dort gemacht. Vielleicht sollte ich wieder einmal hinfahren, dann könnte ich dich besuchen. Soll ich dich besuchen?« »Du würdest es nicht finden, das Haus liegt vollkommen abgelegen.« »Ich würde es finden. Wetten? Ich finde überall hin. Oder zweifelst du daran?« Seine Augen brennen sich in meine hinein. Ich erröte. Flirtet er mit mir? Gefällt ihm, dass er mich verwirrt? Oder ist es echt, meint er mich? Nein! Er gehört bestimmt zu den Männern, die mit jeder Frau in ihrem Umfeld flirten. »Setz dich. Möchtest du einen Aperitif?« frage ich, um meine Unsicherheit zu überspielen. »Lass uns damit auf die anderen warten.« Ich setze mich ihm gegenüber. »Warst du viel unterwegs in letzter Zeit?« versuche ich ein neutrales Gespräch. Er ignoriert meine Frage. »Wirst du zurückkommen, Karen? Ich meine, hierher zurückkommen, zu Dan?« Auf diese Frage war ich nicht gefasst.
Fortsetzung folgt ...
12
Ich beschließe, Dan diesmal nicht anzurufen. »Probleme?« fragt Grace in meine Gedanken hinein. »Ich weiß nicht. Ich weiß nicht, Grace, aber es könnte welche geben.« Auf der Heimfahrt fühle ich mich elend. Nein, ich will nicht, dass sie kommen, das ertrage ich nicht. Ich kann mir weder Rita noch Robert in meiner jetzigen Welt vorstellen. Vielleicht käme sogar Dan mit. Zumindest würden sie mir seinen Kummer in allen Farben schildern. Sie würden auf mich einreden und versuchen, mich zur Rückkehr zu bewegen. Sie würden mein Häuschen begutachten, es mit dem großzügigen Haus in Boston vergleichen. Sie würden meinen Tagesablauf, meinen ganzen Rhythmus durcheinander bringen. Wenige Tage später entschließe ich mich, nach Boston zu fahren. Ich nehme den gleichen Weg zurück, den ich vor zwei Monaten gekommen bin. Während der Fahrt breitet sich ein Kribbeln in mir aus. Ich habe Angst vor dem, was mich erwartet. Wie wird Dan aussehen? Seine Stimme klang immer so müde und traurig am Telefon. Werde ich mir Vorwürfe anhören müssen? Werden sie mich gemeinsam bedrängen, bis es mir die Luft zum Atmen raubt? Kurz vor Boston nimmt der Verkehr deutlich zu. Ich bin diese Hektik nicht mehr gewöhnt. Wenigstens scheint die Sonne freundlich. Es ist eine milde, alles in zarte Pastellfarben tauchende Herbstsonne. Vielleicht wird es gar nicht so schlimm, wie ich befürchte. Leo beklagt sich leise miauend aus dem Korb heraus. Er hatte sich äußerst ungern einsperren lassen. Trotz der Beruhigungstropfen, die ich ihm vor der Abfahrt gegeben habe, hat er sich während der Fahrt mehrmals gemeldet. Vielleicht hatte er aufgrund seiner heftigen Abwehr nicht genug Tropfen bekommen. Vielleicht wirkt das Mittel nicht mehr so stark, weil er inzwischen wesentlich kräftiger ist? »Wir sind gleich da, dann darfst du aus deinem Käfig heraus.« Das Wort »Zuhause« bringe ich nicht über die Lippen. Es ist kurz nach vierzehn Uhr. Dan wird ungeduldig sein. Eigentlich wollte ich schon gegen dreizehn Uhr da sein, doch ich war später abgefahren als geplant. Es gab immer noch etwas zu tun. Das mehrmalige Umziehen beschäftigte mich verhältnismäßig lange, denn meine Alltagskleidung, die ich in den letzten Wochen fast ausnahmslos getragen habe, schien mir für Boston unpassend. Andererseits fühlte ich mich im Kostüm auch nicht wohl. Es blieb bei den Jeans. Danach musste ich die Küchenkräuter gießen, eine Tasse und zwei Gläser spülen. Außerdem wollte ich unbedingt bei Grace vorbei. Aber im Grunde genommen diente alles nur dazu, die Abfahrt hinauszuschieben. Ich kann mir vorstellen, wie Dan inzwischen ungeduldig zwischen Wohnzimmer und Küche hin und her geht. Der Gedanke daran macht mich zusätzlich nervös. Er kennt mich als zuverlässig und pünktlich. Die letzten Meter zur Haustür haste ich, als könne ich damit etwas Zeit aufholen. Bevor ich die Klingel drücke, hole ich tief Luft. Dan öffnet die Tür. Sein Gesicht ist gerötet. Er ist aufgeregt und hat sich offensichtlich größte Sorgen gemacht. »Es tut mir leid, aber ...« »Komm!« sagt er, weitere Worte mit der Hand wegwischend, während er mich stürmisch in die Arme nimmt. Sie umklammern mich fest und geben mich eine Ewigkeit nicht mehr frei. Er küsst mich ausgehungert. Ich fühle mich eingeklemmt wie in einen Schraubstock. Augenblicklich setzt bei mir das Gefühl der Beklemmung wieder ein. Wo ist das sinnlich weiche, warme Verlangen von einst? Auch heute ist Dans Körper warm, nein, fast heiß. Er schwitzt. Es ist mir unangenehm. Es stimmt nichts, alles ist anders als früher. Seine Umarmung vermittelt mir keine Stärke, sondern Verzweiflung. Ich löse mich von ihm. »Du bist so zart geworden«, stellt er fest, »du isst wohl nicht genug.« Sieht er nicht, dass ich gut aussehe? Fragend studiere ich sein Gesicht. Der Mann, den ich so gut zu kennen glaubte, sieht auf einmal ganz anders aus. Dabei kann ich nicht sagen, was sich verändert hat. Sein Gesicht wirkt kantiger. Hat er abgenommen? Kurz habe ich die Vision, wie er einmal aussehen wird, wenn er alt ist. Seine Haut wirkt fahl, nachdem die hektische Rötung, die im ersten Augenblick aufgeflammt war, abgeklungen ist. »Ich muss Leo aus seinem Käfig befreien«, wende ich mich von ihm ab. Ich weiß, ich darf jetzt nichts von Maine erzählen. Es erscheint mir geradezu unmöglich, von meinen Strandwanderungen zu schwärmen. Wie müsste es ihn verletzen, wenn er hören würde, dass es mir ohne ihn besser geht und ich beim Schreiben gut vorankomme. Leo schießt wie eine Kugel aus dem Korb, sieht sich kurz verwundert um und verschwindet unter dem Sofa. »Was war denn das? Leo! Kennst du dich denn hier nicht mehr aus?« »Er kommt schon wieder hervor, wenn er Hunger hat.« Dan zuckt mit den Schultern. »Was möchtest du, Liebling?« wechselt er plötzlich in einen unpassend munteren Ton. »Kaffee, Kuchen, ein Glas Champagner?« »Vielleicht alles«, antworte ich erleichtert, froh über jegliche Ablenkung. »Ich mach' schon mal Kaffee.« »Aber nein«, hält er mich zurück, »das mach' natürlich ich.« Mit Nachdruck drängt er mich in Richtung Sessel. »Ich soll mich hinsetzen und bedienen lassen?« »Ja, warum denn nicht? Tu das oder mach dich frisch oder pack deine Tasche aus.« »Okay«, gebe ich mich versöhnlich und verschwinde im Bad. Welch ein Kontrast zu dem Badezimmer im Strandhaus! Geradezu bombastisch wirkt dieser fast dreimal so große Raum mit der grünen Efeubordüre auf den weißen Fliesen, den Messingarmaturen und dem großen Kristallspiegel. Es strahlt eine so kühle Eleganz aus. Ich passe nicht in diesem Rahmen und entschließe mich dazu, mich nun doch umzuziehen und zu schminken. Im Umkleideraum zwischen Bad und Schlafzimmer kann ich aus einem drei Meter breiten, dicht behängten Schrank wählen. Wann habe ich das alles nur getragen? In Maine hängen fünf Jeans sowie einige Pullis und Blusen. Außerdem habe ich für alle Fälle ein schickes Kostüm und einen Rock mitgenommen, die ich bisher nicht getragen habe. Ich stehe wie vor dem Überangebot in einem Warenhaus. Unentschlossen gehe ich die vielen Bügel durch. Ziehe hier und da etwas heraus, hänge es jedoch wieder zurück. »Karen, wo steckst du denn so lange?« »Gleich!« Ich entscheide mich nun schnell für eine wollfarbene Gabardinehose und einen eisblauen Pullover, Farben, die ich besonders mag. Trotzdem fühle ich mich in den Kleidern fremd und irgendwie verkleidet. Es ist, als würde ich darin verschwinden. Alles ist mir etwas zu groß. Auch Energie und Vitalität der letzten Wochen scheinen mit meinen gewohnten Alltagskleidern von mir abgefallen zu sein.
Fortsetzung folgt ...
11
»Die beiden haben lange genug diese ewigen Trennungen mitgemacht«, meldete sich Rita in die Stille hinein. Robert reagierte mit einem Lächeln, von dem ich nicht wusste, wie ich es deuten sollte. Meine Gefühle Robert gegenüber schwankten zwischen Ablehnung und Faszination. Rita hatte nichts bemerkt. Sie war glücklich und voll schnurrender Zufriedenheit. Und nun hatte Rita meine Shirley geprägt. Wie konnte das passieren? Hatte ich die Figur der Shirley zu ungenau entworfen? Auch Sarah gleicht kaum noch der jungen fröhlichen Frau vom Strand, die ich als ihr Vorbild genommen hatte. Und Tom? Ich erschrecke. Tom sieht eindeutig Robert ähnlich. Ich verlasse das Haus, um Abstand zu gewinnen. Es gelingt mir nicht. Auch im Freien drehen sich meine Gedanken im Kreis. »Sei nicht so verbissen, Karen.« War das Shirleys Stimme? »Muss denn immer alles nach deinen Vorstellungen gehen?« Macht sie sich lustig über mich? »Anstatt mich ändern zu wollen, solltest du vielleicht bei dir selbst anfangen.« »Ha, dass ich nicht lache. Jetzt wollen mir meine Figuren sagen, was ich zu tun habe!« Plötzlich fühle ich mich beobachtet. Ich schrecke aus meinen Gedanken hoch. Da steht er er vor mir – wie aus dem Sand gewachsen. Er ist nur wenige Meter von mir entfernt und vollkommen nackt. Ein wuscheliger Haarschopf umrahmt sein Gesicht, das von einem wild wuchernden Vollbart halb verdeckt wird. Graue Augen starren mich unverwandt an. Meine Kehle ist plötzlich trocken, und mein Puls fängt zu rasen an. Kein anderer Mensch ist in der Nähe. Will er etwas von mir? Ich bin erschreckt und fasziniert zugleich. Ich fühle mich bedroht und angezogen von seiner wilden Natürlichkeit. Für einen Augenblick bin ich wie gelähmt, dann drehe ich mich um und gehe mit schnellen Schritten den Weg zurück. Lange spüre ich seine Augen auf meinem Rücken. Ich überlege, ob er mir folgt, doch ich wage nicht, mich umzudrehen. Das tue ich erst, als ich wieder in der Nähe der anderen Menschen bin. Er ist mir nicht nachgegangen, ich sehe ihn nur noch als kleinen Punkt und kurz danach gar nicht mehr. Diese Begegnung kann ich nicht vergessen. War das ein Exhibitionist, der sich an meinem Schreck weiden wollte? Oder nur ein abgehärteter Naturfreund ohne jede böse Absicht? Hätte der mich so angesehen? Immer wieder sehe ich diesen durchdringenden Blick vor mir. Ich fühle mich, als hätte dieser einsame Nackte in Wirklichkeit etwas von mir entblößt. Von diesem Tag an wage ich nicht mehr, so weit zu gehen. Von der Begegnung erzähle ich niemandem. In Bath ist ein Brief von Rita. Das überrascht mich. Sie hat mir noch nie geschrieben. Rita schreibt keine Briefe. Sie schreibt allenfalls Karten oder ruft an. Ich kenne ihre Schrift nur von kurzen Notizen in der Redaktion. Wenn sie schreibt, muss es einen wichtigen Anlass geben. Vielleicht ist es aus mit Robert. Oder sie haben zumindest eine Krise. Hastig schlitze ich das Kuvert auf, falte den pastellfarbenen Briefbogen auseinander und überfliege die Zeilen mit Ritas kindlich runder, gleichmäßiger Schrift. Rita erzählt nur Belanglosigkeiten, unwichtigen Alltagskram. Was soll denn das? Dann wird sie etwas konkreter: Sie bemängelt, dass ich nicht ein einziges Wochenende zu Besuch gekommen bin und das auch für die nächste Zeit nicht angekündigt habe. Robert hat mir zwar vom Indian Summer erzählt, von dem angeblich immer blauen Himmel und dem goldgelb und rot leuchtenden Farbenmeer der Ahornwälder. Ich stelle mir das durchaus zauberhaft vor, für ein Wochenende, aber Monate in dieser Einsamkeit? Robert sagt … Robert sagt, Robert meint, Robert ... Robert ... Robert. Nein, sie haben ganz offensichtlich keine Krise. Im Gegenteil, beinahe kommt es mir vor, als wäre Robert noch wichtiger geworden. Ich werde ungeduldig. »Na komm schon, Rita, weswegen schreibst du nun wirklich?« So um die Dinge herum zu reden war nun wirklich nicht ihr Stil. Hastig überfliege ich die nächsten Zeilen. Dan ist sehr niedergeschlagen. Wir bemühen uns, ihn abzulenken, doch er ist zu nichts zu bewegen. Ich glaube, er hat sich ganz in seine Arbeit vergraben. Karen, dieser Mann liebt Dich über alles. Bedeutet Dir das denn nichts? Glaube mir, ich wäre glücklich, wenn Robert mir das jemals so zeigen würde. Hast Du nicht Angst, das alles aufs Spiel zu setzen? Ich bewundere durchaus Deinen Mut, doch hast Du Dir mit Deiner Entscheidung nicht zu viel vorgenommen? Komm zurück, wenn Du auch nur die geringsten Zweifel hast. Was Du dort kannst, kannst Du alles auch hier. Denke auch daran, der Indian Summer dauert nicht ewig, und danach folgt ein kalter, langer, einsamer Winter. Wie auch immer, in Boston wirst Du vermisst. Wir möchten Dich wieder bei uns haben. Hattest Du uns nicht versprochen, uns regelmäßig zu besuchen? Wenn Du Dich nicht dazu entschließen kannst, dann kommen wir. Also das ist es. Dan steckt dahinter. Ich bin wütend und irgendwie enttäuscht. Dass Rita sich einmischt, ärgert mich. Außerdem ist sie meine Freundin. Wie oft sich Dan über sie lustig gemacht hat, hat sie wohl nicht gemerkt. Aber ich spüre, da ist noch etwas anderes. Meine Enttäuschung lässt sich nicht nur durch diesen Brief erklären. Rita ist eigentlich längst keine richtige Freundin mehr für mich. Immer öfter habe ich mich über sie geärgert. Wir haben uns entfremdet. Ich habe mich verändert, nachdem ich zu Globus ging. Rita, so schien es mir, wurde zunehmend kindlicher und naiver. Manchmal ertrug ich ihr Geplapper kaum, ihre Berichte über kleine, unbedeutende Skandälchen in der Redaktion, ihre wiederkehrenden Klagen, dass sie gern heiraten möchte, Robert aber nicht dazu bereit sei, ja nicht einmal mit ihr zusammen leben wolle. Heute ist es ihr ständiges: »Robert sagt« und »Robert meint«, das mich aufregt.
Fortsetzung folgt ....
10
Ob Shirley sich wirklich in ihn verliebt hat? Tom beginnt die begehrlichen Blicke der anderen Männer zu hassen. Eifersucht nagt an ihm. »Sie gehört mir«, möchte er allen zurufen, wenn Shirley mit anderen lacht oder mit Ricardo tanzt. Und sie tut es oft. Immer wieder werden die beiden vom Publikum dazu gedrängt. Das leuchtend rote Kleid schmiegt sich dabei weich um Shirleys verführerischen Körper. Wie fest Ricardo sie hält, und wie tief er ihr dabei in die Augen blickt. Shirley genießt sichtlich die Begeisterung, die sie auslöst. Sie ist Sinnlichkeit pur, umtanzt Ricardo, schlingt ihre formvollendeten Beine um ihn, heizt die Stimmung auf. Sie wirken wie ein Paar. Hat sie auch ihm gehört? Gehört sie ihm sogar noch heute? Kann diese Frau nur einen Mann lieben, und kann ich das sein? Diese Fragen quälen Tom zwischen den rauschhaften Begegnungen mit Shirley. Sie lacht ihn aus. »Ich liebe dich, aber eine Frau ist kein Stück Land, das man besitzen kann.« Sie hat recht – und doch. Wenn es nur ein Spiel für sie wäre, ein Flirt, eine weitere Eroberung, wenn sie eines Tages genug von ihm hätte, ihn wieder verlassen würde? Dann würde er sterben. Nur in ihren Armen fühlt er sich sicher. Nein, Shirley ist nicht einfach zu erklären. Sie ist tief, und er droht in ihr zu ertrinken. Ich bin überrumpelt von der Entwicklung. Meine Figuren agieren ganz anders, als ich es geplant hatte. Sie entwickeln ein Eigenleben und bringen dabei alles durcheinander. Habe ich ihnen zu viel Freiheit eingeräumt? Habe ich nicht aufgepasst? Ich bin irritiert. Shirley hatte ich die Rolle einer hübschen, aber rücksichtslosen Hexe zugedacht. Obwohl sie diese Rolle durchaus spielt, ist sie mir sympathisch. Mit Verwunderung stelle ich fest, dass mich die zielstrebige Art, mit der sie Tom umgarnt, nicht stört. Im Gegenteil, ich beobachte geradezu mit Bewunderung, wie selbstverständlich sich Shirley nimmt, was sie begehrt. Ich finde sogar Entschuldigungen dafür. Sarah ist mitschuldig an der Situation. Sie hat Tom geradezu in Shirleys Arme getrieben. Selbst mich beginnen ihre Klagen zu nerven. Shirley ist schön, vital und immer gut gelaunt. Wie könnte Tom sich da anders entscheiden? Ich sehe Shirley vor mir, eine Frau, die gegen alle Anfeindungen immun zu sein scheint. An wen erinnert sie mich nur? Gibt es überhaupt eine solche Frau? Dann muss ich plötzlich an jenen Abend im vergangenen November denken. Rita hatte sich angekündigt. Sie wollte Dan und mir endlich Robert vorstellen. Ich kochte italienisch, wie meistens zu solchen Anlässen, und Dan flachste darüber, wen sie uns wohl diesmal als Traummann präsentieren und wie lange es bis zum großen Drama dauern würde. Es klingelte und Rita wirbelte in einem roten Kleid herein, einem, das ich noch nie an ihr gesehen hatte. Ihre blauen Augen funkelten wie die eines siegreichen Toreros. Sie sah einfach umwerfend aus. Nun weiß ich es, es war das gleiche rote Kleid, das auch Shirley beim Tango trägt. Dann sah ich ihn. Groß, so unglaublich groß und dunkelhaarig mit beinahe schwarzen Augen. Wie Glutspritzer brannten sie auf mir. Fast augenblicklich hatte ich mich in eine graue Maus verwandelt. Ich hatte mich in die Küche gerettet, mit dem Vorwand, die Blumen ins Wasser zu stellen. Dort stand ich dann vollkommen verwirrt. Das war also dieser Fotograf, dieser neue Traummann, von dem sie mir in den letzten Wochen fast ununterbrochen erzählt hatte. Ich hatte kaum zugehört, zu oft hatte sie mir von irgendwelchen Männern vorgeschwärmt, die sich dann in kürzester Zeit wieder in nichts auflösten. Doch dieser Mann hatte nichts gemein mit den Möchtegerncasanovas, die sie uns bisher vorgestellt hatte. Während des Essens plätscherte das Gespräch vor sich hin. Meine Kochkünste wurden gelobt. Rita bewunderte die Vielfalt der Antipasti, und Robert liebte die Tagliatelle in Champignon-Rahmsauce. Ich erzählte, wie viel ich gereist war, bevor ich mit Dan zusammengezogen war, und schwärmte von Rom, wo ich meine Liebe zur italienischen Küche entdeckt hatte. »Und statt in Rom toben Sie sich jetzt nur noch in der internationalen Küche aus?« fragte Robert. »Nicht nur, ich schreibe auch«, antwortete ich hastig. »Fehlt Ihnen das Reisen nicht?« bohrte er weiter. Verwundert blickte Rita auf, und ich glaubte zu spüren, wie sich Dans Rücken versteifte. »Reisen und Beziehung lassen sich auf Dauer sehr schlecht vereinbaren«, antwortete ich leise. Die Stimmung hatte sich gewandelt.
Fortsetzung folgt ... ...
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